Der Präsident zum Thema: Der Zukunft verpflichtet

Am 12. April 2018 gab Bundespräsident Steinmeier im Herkulessaal der Münchner Residenz den Auftakt zum Jubiläumsjahr unserer Universität: Exakt 150 Jahre vorher – am denkwürdigen Ostersonntag 1868 – hatte Ludwig II. König von Bayern die Gründungsurkunde der heutigen Technischen Universität München unterzeichnet. Diese TUM – das sind wir alle!
Damals wie heute und morgen sind es die Menschen, auf die es allein ankommt. Wie viel Glück wir schon im Gründungsjahr 1868 mit ihnen hatten! Da war neben dem 23-jährigen König der 26-jährige Ingenieur – dieser innovative Carl Linde, einer unserer Pioniere. Bald sollte Linde das Kälteprinzip vulgo Kühlschrank erfinden. In einer Münchner Großbrauerei stand die erste Kältemaschine der Welt, und mit der Linde’s Eismaschinen AG war die erste Firmengründung aus einer Hochschule in Fahrt gekommen. Unternehmertum steckt also von Anbeginn in unseren Genen! In der Bilanz der letzten 20 Jahre entstanden aus unserer Forschung hunderte von Jungunternehmen, die derzeit über 15.000 Arbeitsplätze vorhalten – ein stolzes Ergebnis jenseits unserer international anerkannten Forschungsleistungen, die zusammen mit der Ausbildungsleistung die wertbesetzte „Marke TUM“ auszeichnen.

Wo geht es hin?

Als Technische Universität haben wir der Gesellschaft zu dienen. Folglich sind wir dem Innovationsfortschritt auf Wissenschaftsgebieten verpflichtet, die das Leben und Zusammenleben der Menschen nachhaltig zu verbessern versprechen. Deshalb wollen wir die wichtigen Zukunftsthemen an der Front der Forschung gestalten. So haben wir im Jubiläumsjahr die Munich School of Robotics and Machine Intelligence (MSRM) eröffnet. Sie beschreitet neue Wege, um maschinelle Assistenzsysteme – sprich: Roboter – agiler und „schlauer“ zu machen. Mit der MSRM bündelt die TUM ihre langjährige Spitzenforschung zu Robotik und Künstlicher Intelligenz unter einem gemeinsamen Dach. Als Gründungsdirektor konnten wir den erstklassigen Wissenschaftler und TUM Alumnus Sami Haddadin (Diplom Elektrotechnik und Informationstechnik 2005, Master Informatik 2009) gewinnen. Unlängst wurde er mit dem Innovationspreis des Bundespräsidenten ausgezeichnet und mit dem renommierten Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Unsere Glückwünsche begleiten sein Wirken an der TUM.

Die Zukunft ist digital

Wer die Zukunft gestalten will, kommt an der Digitalisierung nicht vorbei. Nicht nur die TUM selbst soll in ihren Strukturen und Arbeitsweisen digital und vernetzt werden, wir sorgen auch dafür, dass unsere jungen Talente die beste Ausbildung erhalten, damit sie die Herausforderungen der digitalen Welt meistern können. Kürzlich haben wir den Neubau für den TUM Campus in Heilbronn eröffnet. Hier werden Studierende im Themenfeld Management und Technologie ausgebildet. Im Zentrum steht die Erforschung des ökonomischen Wandels durch die Digitalisierung, vor allem am Beispiel von Familienunternehmen und Technologie-Start-ups. In der Region Heilbronn-Franken erschließen wir uns eine technologisch führende Szene des deutschen Mittelstands, wie sie ihresgleichen sucht. Auf den Weg gebracht haben wir im Jubiläumsjahr die Munich School for Data Science (MUDS). Digitalisierte Forschung produziert unter der Assistenz leistungsfähiger Rechnerarchitekturen und Algorithmen immense Datenmengen, in denen großes Potenzial schlummert – etwa für die Biomedizin, einer Der Zukunft verpflichtet 7 unserer starken Forschungsdomänen. Um „Big Data“ nutzbar zu machen, müssen die Daten aber beherrscht und interpretiert werden. Dazu bilden wir die nächste Generation von Forscherinnen und Forschern aus.

Interdisziplinarität als Schlüsselkompetenz

Keine Fachdisziplin kann alleine im stillen Kämmerlein die immer komplexer werdenden technischen Fragestellungen beantworten. Unsere Aufgabe ist es, die besten Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die unterschiedlichen Fachrichtungen und Fachkulturen zusammenarbeiten. An der TUM haben wir den Fokus beizeiten auf die interdisziplinäre Verschränkung der Wissenschaften gelegt und die bevorstehende Neuordnung unserer Binnenstruktur – Schools bzw. Integrative Forschungszentren – wird diese Entwicklung kraftvoll verstetigen.

Die Verschränkung der Disziplinen bedarf aber auch einer beherzten Internationalisierung; sie bedeutet bei uns die Verbindung der Heimat mit der Welt. So haben wir nach der seit 20 Jahren konsequent praktizierten Erschließung des asiatischen Raums wieder unser Europa in den Blick genommen: Mit dem Imperial College London entstand im Jubiläumsjahr eine europäische Flaggschiff- Partnerschaft auf Spitzenniveau. Mittelfristig streben wir eine rechtlich selbstständige TUM.London nach dem Vorbild von TUM Asia in Singapur an. Denn wer Singapur kann, der kann auch London und setzt damit ein sichtbares Signal mitten in den unseligen Brexit hinein! Aber auch für den Entwicklungsbedarf des afrikanischen Kontinents übernehmen wir Verantwortung als führende Technische Universität. Starke afrikanische Bildungs-, Forschungs- und Innovationssysteme werden eine entscheidende Rolle für das Traumziel einer globalen Kohärenz der Gesellschaftsformen spielen. Deshalb war das Jubiläumsjahr geeignet, die Initiative TUM.Africa auf den Weg zu bringen. Bereits heute gibt es an die 150 Projekte und Austausch-Abkommen der TUM mit Institutionen in 20 afrikanischen Ländern.

Meine Zeit an der TUM

Nicht nur die TUM blickt auf eine erfolgreiche Zeit zurück. Ich selbst habe hier 1971 mein Diplom in Chemie erworben. 1985 durfte ich meinem Lehrer, dem großartigen Chemiker und Nobelpreisträger Ernst Otto Fischer, auf dessen Lehrstuhl an der TUM nachfolgen. Die letzten 24 Jahre habe ich als Präsident die Geschicke dieser Universität gelenkt. Die TUM ist meine akademische Heimat, deren Zukunft mir am Herzen liegt.

Deshalb bin ich überglücklich, dass in einigen Monaten Thomas Hofmann – ebenfalls TUM Alumnus (Promotion Chemie 1995, Habilitation 1998) – meine Nachfolge antritt, eine glänzende Perspektive für unsere Alma Mater. Er ist ein Glücksfall für die TUM und die deutsche Hochschullandschaft. Er hat das Zeug dazu, unsere Universität mit eigenen Akzenten bruchlos in eine glänzende Zukunft zu führen. Bitte unterstützen Sie ihn, so wie Sie mir stets wohlwollende, loyale Wegbegleiter waren!

In herzlicher Verbundenheit bleibe ich

Wolfgang A. Herrmann

Präsident 1995-2019, Alumnus Chemie 1971