Universitätsstifter Gabriele und Robert Hertle: „Wir planen und bauen für Generationen.“

Als angehende Ingenieure haben sich Gabriele und Robert Hertle im Studium an der TUM kennengelernt. Heute sind sie viele Jahre verheiratet und ergänzen sich perfekt – nicht nur bei der Tätigkeit im eigenen Bauingenieurbüro. Sie beide verbindet der Spaß daran, für knifflige Situationen intelligente Lösungen zu finden und das Bewusstsein, eine hohe gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Noch heute pflegen sie enge Verbindungen zu ihrer gemeinsamen Alma Mater. Um deren Arbeit zu unterstützen, wurden sie Stifter der TUM Universitätsstiftung. Die beiden Bauingenieure über ihre gemeinsame Arbeit und ihr Engagement für die TUM Universitätsstiftung.

Frau Hertle, Herr Professor Hertle, Sie beide  sind Bauingenieure mit Herzblut. Ihre zwei Söhne eifern Ihnen nach und sind auch Ingenieure geworden. Wie können wir uns ein Abendessen bei Ihnen vorstellen?

Robert Hertle: Es ist spannend. Drei von uns sind Bauingenieure, der jüngste Sohn ist Maschinenbauer. Wir unterhalten uns viel über Fachliches, unsere Söhne kommen mit interessanten Fragen auf mich zu. Durch den Austausch miteinander entdecken wir frappierende neue Lösungen für Probleme aus ganz unterschiedlichen Bereichen.

Gabriele Hertle: Wir haben früh versucht, unsere Kinder für das, was Ingenieure machen und für die Universität zu begeistern. Wir sind mit ihnen zum Beispiel zur Kinder- Uni an der TUM gegangen: Die erste Vorlesung war im großen Physik-Hörsaal. Die Kinder waren begeistert.

Und bei Ihnen? Wie wurde Ihre Begeisterung für das Studienfach geweckt?

Robert Hertle: Bei mir war es naheliegend, weil in meiner Familie schon immer Bauingenieure waren. Nach dem Abitur schwankte ich zwischen Ingenieur- wissenschaften und Geschichte.

Eine ungewöhnliche Auswahl.

Ja. Aber dann kam der Wehrdienst und in dieser Zeit  ist mir klar geworden, dass ich später etwas tun will, bei dem ich mein eigener Herr bin. Das ist mit Geschichte ein bisschen schwierig. Und das Bauingenieurwesen  ist die Wissenschaft, mit der man das am schnellsten realisieren konnte. Um sich selbstständig zu machen, brauchte man damals nur eine gute Ausbildung, ein Blatt Papier, einen Bleistift und die Lust darauf, die Zukunft zu gestalten.

Und wie war das bei Ihnen mit der Studienwahl, Frau Hertle?

Gabriele Hertle: Ganz anders. Ich bin die Erste in unserer Familie, die studiert hat. Mein Vater war Maurer und hat uns früh auf Baustellen mitgenommen. Mit meinen Brüdern habe ich viel gebaut. In der Schule stellte ich fest, dass ich mathematisch und technisch begabt bin. Also habe ich mich aus dem Bauch heraus für das Bauingenieurstudium entschieden. Während der ersten Semester zeigte sich glücklicherweise:  Das ist genau mein Ding.

Was hat Ihnen besonders gut gefallen?

Dass der Beruf so facettenreich ist und dass alles, was wir planen, bauen und gestalten sich über viele Jahre in der Praxis bewähren muss. Man verliert sich nicht in irgendwelchen theoretischen Gedankengängen, sondern es geht darum, wie man dieses oder jenes Problem löst. Diese Herausforderung macht den besonderen Reiz unseres Berufs aus.

Was kommt Ihnen als erstes in den Kopf, wenn Sie an Ihre Studienzeit denken?

Robert Hertle: Das Prägendste aus meiner Sicht war die Haltung, die uns die Professoren vermittelt haben. Dass wir jedes Problem, das auf uns zukommt, lösen können, wenn wir nur ausreichend darüber nachden- ken. Wir hatten damals noch lange nicht die Mittel, die es heute gibt, besonders wenn man an die IT denkt.

Gabriele Hertle: Bei mir kommen da eher andere Erinnerungen.

Zum Beispiel?

Als ich einmal eine Übung abgegeben habe, habe ich eine heftige Standpauke vom Assistenten wegen eini- ger, kleinerer Unstimmigkeiten erhalten – viel mehr als die männlichen Kollegen. Er meinte, als Frau müsste ich mindestens 80 Prozent besser sein als die männlichen Kandidaten. Den Spruch habe ich noch heute im Kopf. Auch meine Kleidung wurde ein paar Mal kommentiert, wenn ich zu schick oder fraulich angezogen war.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ganz ehrlich: Es war nicht schön, aber es hat mir geholfen, meine Ellenbogen rauszuholen. Wenn Sie diese Dinge nicht aushalten, wenn Sie kein dickes Fell haben, dann sind Sie falsch in dem Beruf. Wenn Sie  auf die Baustelle kommen, dann müssen Sie mit den Leuten umgehen können. Sie müssen davon überzeugt sein, dass Sie genauso gut, genauso tough sind wie die Männer. Und dann können Sie erfolgreich sein.

Herr Hertle, nach dem Studium haben Sie Ihre Promotion angeschlossen. Wie kam das? Sie wollten doch eigentlich selbstständig sein?

Robert Hertle: Während des Vertiefungsstudiums ist mir klar geworden, dass ich noch intensiver in die Materie eintauchen will. Insbesondere die Fragen der Baudynamik, also Bauwerksschwingung und all diese Dinge, haben mich sehr interessiert.

Wer war Ihr Doktorvater?

Friedrich Nather – und das war ein echter Glücksfall. Bevor er an die TUM kam, war er als Geschäftsführer der damals weltgrößten Traggerüstbaufirma tätig und hatte ganz andere Führungsprinzipien als jeder andere Professor, den wir kannten. Er hat uns einen wahnsinni- gen Vertrauensvorschuss gegeben, und wir durften sehr viel machen, was andere in ihrer Assistenzzeit nicht machen durften.

Zum Beispiel?

Professor Nather war in verschiedenen europäischen Gremien tätig, aber wegen seiner vielen Verpflichtungen konnte er nicht zu allen Sitzungen gehen. Ich durfte ihn vertreten – vier Jahre lang. Als junger Assistent mit nicht mal dreißig Jahren durfte ich alle drei bis vier Wochen   in eine europäische Stadt zu einer Sitzung reisen und mich mit den Leuten dort, die viel mehr Berufserfahrung hatten und die sehr viel mehr wussten, auseinander- setzen. Ich habe dabei viel gelernt.

Und ist es Ihnen nicht in den Sinn gekommen nach Ihrer Promotion in der Forschung zu bleiben?

Nein. Durch die Zeit mit Professor Nather, der uns viele Perspektiven eröffnet hat, bei dem wir an der Erstellung von Gutachten und praxisbezogenen Entwicklungen mitwirken durften, bei interessanten und auch kritischen Besprechungen dabei sein durften, war die Selbststän- digkeit der nächste konsequente Schritt. Ich wollte das, was ich gelernt hatte, anwenden. Im Übrigen haben sich fast alle seine Assistenten später selbstständig gemacht.

Und haben Sie dazu wirklich nur Papier und einen Stift gebraucht?

Naja, einen PC hatte man damals auch schon (lacht). Natürlich nicht vergleichbar mit der Ausstattung, die heute standardmäßig dazugehört. Aber ja, im Prinzip war es nicht viel mehr.

Und Sie sind gleich mit eingestiegen, Frau Hertle?

Gabriele Hertle: Nein. Unser ältester Sohn kam 1991 auf die Welt, und ich habe danach als Bauingenieurin bei der AEG weitergearbeitet. Ich hatte dort, direkt nach dem Diplom, in der Entwicklung der Magnetschwebetechnik begonnen und war zuständig für die Lasten- annahmen für den Fahrweg von Magnetschwebebahnen. Meine Erfahrung und mein Wissen waren essentiell für die Auslegung der tragenden Bauteile des Systems.Deshalb wurde es für mich ermöglicht, von zu Hause aus zu arbeiten, nachdem unser Sohn geboren war. Wenn große Besprechungen anstanden, habe ich unseren Sohn einfach mitgenommen, und es wurde jemand abgestellt, der aufgepasst hat. Zum Stillen und Füttern wurden Pausen gemacht. Später ist der Standort von Starnberg leider nach Braunschweig verlegt worden und damit hatte sich das für mich erledigt. Nach der Geburt unseres zweiten Kindes habe ich stundenweise  im Ingenieurbüro meines Manns mitgearbeitet und das dann Stück für Stück ausgebaut.

Kommen Sie sich bei der Arbeit nicht in die Quere? ein, wir ergänzen uns perfekt. Mein Mann hat gerne den Kopf frei von allen anderen Dingen, wenn er an wichtigen Projekten arbeitet. Ich übernehme die Organisation der Projekte. Um alles möglichst reibungslos mit den verschiedenen Partnern abwickeln zu können, ist mein technisches Wissen ein enormer Vorteil.

Was war denn bisher Ihre größte berufliche Herausforderung?

Robert Hertle: Es gibt ein Projekt aus den Anfangsjahren, an das ich mich noch lebendig erinnere, weil wir uns da viel getraut haben. Es ging darum, die Gründung von über 300 Tonnen schweren Rohmühlen für eine Zementfabrik auf den Philippinen zu entwerfen. Die Maschinenbaupartner hatten eine Faustformel, mit der sie schon lange gearbeitet hatten und wir kamen darauf, dass mit dieser Faustformel die erforderliche Masse der Gründung der Rohmühlen falsch berechnet wird. Wir haben uns nicht getraut, das gleich so auszuposaunen, denn die Firma, die das gemacht hat, gab es schon seit über 100 Jahren und unser Büro erst seit zwei.

Wie haben Sie das gelöst?

Ich habe meinen ehemaligen Professor von der TUM angerufen: Harry Grundmann – heute Emeritus of Excellence. Er ist ein toller Ingenieur, ich habe ihm vertraut. Er kam zu dem Schluss: „Sie haben Recht, die machen das falsch.“ Also waren kurz darauf alle Projektbeteiligten bei einer Besprechung mit dem Vorstand gesessen.

Und dann?

Der Vorstand fragte uns, ob wir ein Projekt entwerfen könnten, das unsere Vermutung bestätigt. Da saßen wir in dem Moment und wussten zwar, dass wir theoretisch Recht haben, aber wir wussten überhaupt  nicht,  wie wir das nachweisen sollten. In eine solche Mühle, in der die für die Zementfertigung erforderlichen Rohmaterialien, wie etwa Kalkstein vermahlen und getrocknet wer- den, können Sie sich nicht reinsetzen und die Vorgänge direkt beobachten. Aber was bleibt einem übrig: Sie können in dieser Situation entweder „Ja“ oder „Nein“ sagen, und wir sagten natürlich „Ja“. Sonst wären wir sofort draußen gewesen. Und das war sicherlich eine der größten Herausforderungen unserer Karriere, für dieses Problem eine Lösung zu finden, aber wir haben es geschafft.

Gabriele Hertle: Das Schöne an unserem Beruf ist, dass es immer wieder neue Herausforderungen solcher Art gibt. Es ist nie so wie zum Beispiel bei den Maschinen- bauern, die in der Regel ein System haben, das sie dann nochmal verfeinern und verfeinern, sondern bei uns gibt es immer wieder etwas Neues. Man muss sich immer wieder neu reindenken. Das ist so, wenn man es ständig mit Prototypen zu tun hat und das macht wirklich Spaß.

Muss man Kommunikationstalent haben, um Bauingenieur zu sein?

Robert Hertle: Das ist die nächste Herausforderung.  Bei sehr großen und komplexen Bauvorhaben tritt die Technik oftmals in den Hintergrund – weil es viele Beteiligte gibt und teilweise fundamental unterschiedliche Interessen. Es bedarf ein gerüttelt Maß an Psychologie, um so etwas hinzukriegen. Und anders als im Maschinenbau ist bei uns, wenn das Bauwerk realisiert ist,  kein Rückruf möglich.

Wie meinen Sie das?

Wir machen Prototypen und keine Serien. Allein schon deshalb, weil die Bedingungen ganz unterschiedlich sind, ob ich jetzt zum Beispiel auf gutem Münchner Kies baue oder 60 Kilometer weiter in Rosenheim auf einem bis zu 300 Meter mächtigen Tonboden. Wir bekommen keine wirkliche Entwicklungszeit, müssen aber eine Prognose abgeben, dass das Gebäude, die Brücke, der Turm, was immer wir bauen, für die nächsten 100 Jahre stabil ist und seinen Zweck erfüllt. Und was dabei oft übersehen wird: Wir beeinflussen mit unseren Bau- werken die Gesellschaft, in die wir sie hineinstellen, für Generationen. Gerade das unterscheidet unseren Beruf dramatisch von dem, was zum Beispiel die Maschinenbauer machen, weil sie zum einen, wenn es notwendig sein sollte, die Chance haben, etwa ein Auto zurück- zurufen oder bei einem Flugzeug etwas nachzubessern und zum anderen die Lebensdauer dieser Produkte, verglichen mit der unserer Bauwerke, kurz ist.

Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Der Umsatz, den das Bauhauptgewerbe in der Bundesrepublik Deutschland pro Jahr macht, vom Rohbau bis zum fertigen Gebäude, liegt bei ungefähr 300 bis 400 Milliarden Euro. Der Wert der gesamten gebauten Infrastruktur liegt jenseits der 25 Billionen Euro. Das sind, in der Banker-Sprache, die „Assets under Management“, die Bauingenieure und Architekten zu verantworten und zu verwalten haben. Das sind Summen, da werden alle Banker blass. Mir ist es wichtig, dass mit diesen riesigen Vermögenswerten so verantwortungsvoll umgegangen wird, dass die Gesellschaft daraus einen positiven Nutzen zieht. Das versuche ich auch in meinen Vorlesungen an der TUM zu vermitteln und so die nächste Generation von Bauingenieuren auf ihre Aufgabe vorzubereiten.

Zusätzlich übernehmen Sie als Universitätsstifter gesellschaftliche Verantwortung. 100.000 Euro haben Sie in den Kapitalstock der Universitäts- stiftung gespendet, die das Ziel hat, exzellente Studierende und NachwuchswissenschaftlerInnen zu fördern. Warum?

Gabriele Hertle: Für uns ist es wichtig, dass es unserer Universität gut geht. Da, wo wir heute stehen, stehen wir aufgrund unserer Ausbildung. Die TUM hat unseren Lebensweg entscheidend geprägt. Der Kontakt zu den Lehrstühlen ist nie abgebrochen. Wenn wir ein fachliches Problem haben und Rat benötigen, dann greifen wir zum Telefon und rufen Kollegen in der TUM an, um uns auszutauschen. Da gibt es keine falsche Scheu.

Robert Hertle: Ich denke, diejenigen, die in ihrem beruflichen Leben die Möglichkeiten hatten mit ihrer Ausbildung erfolgreich zu sein, sind gefragt. Sie sollten sich darüber Gedanken machen, wie sie mithelfen können, eine solche Ausbildung und die damit verbundene Chance, die Zukunft zu erfinden, für die nächsten Generationen zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Übernimmt das nicht der Staat?

Robert Hertle: Wir haben in der heutigen schnelllebigen Zeit das Problem, dass Institutionen zu leicht zum Spielball von Emotionen oder politischer Ränkespiele werden können, wenn die Finanzierung komplett über die Politik oder öffentliche Gelder läuft. Wenn es also möglich ist, durch eine private Finanzierung eine gewisse Stabilität zu erzeugen, dann ist das gut und erstrebenswert. Man kann dann den politischen Geldgebern selbst- bewusst gegenüber treten und sagen: „Dann machen wir es eben selbst.“ Das steht einer Universität mit der Klasse, wie sie die TUM hat, einfach zu.

Mehr erfahren unter: wwww.tum-universitätsstiftung.de

 

Gabriele und Prof. Dr. Robert Hertle

Diplom Bauingenieurwesen 1988 und
Diplom Bauingenieurwesen 1985, Promotion 1992

Gabriele und Robert Hertle haben sich während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der TUM kennengelernt. Nach dem Diplom ging Gabriele Hertle zu AEG und war als Ingenieurin mit dem Bau von Magnetschwebebahnen beschäftigt. Robert Hertle schloss eine Dissertation an der TUM im Bereich Stahlbau/Baumechanik 1992 ab. Unmittelbar da- nach gründete er sein eigenes Ingenieurbüro in Gräfelfing, das sich unter anderem auf Tragwerksplanung spezialisiert hat und mit dem er mittlerweile in Bauprojekte auf der ganzen Welt involviert ist. Nach der Geburt ihrer zwei Söhne wurde Gabriele Hertle im Ingenieurbüro ihres Mannes tätig. Seit 2013 ist Robert Hertle Honorarprofessor an der TUM. Er ist außerdem Mitglied in nationalen und internationalen Normungs- und Sachverständigenausschüssen für temporäre Bauhilfsmittel und konstruktiven Ingenieurbau. Gabriele und Robert Hertle sind seit 2014 Stifter der TUM Universitätsstiftung.

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 2/2018:

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