BR-Technikdirektorin Birgit Spanner-Ulmer: „Mir fällt immer noch etwas Neues ein.“

Seit 2012 ist Birgit Spanner-Ulmer als Direktorin dafür zuständig, den Bayerischen Rundfunk auf technischer Ebene in die Zukunft zu führen. Zuvor hat die promovierte Ingenieurin und Professorin der TUM innovative Automodelle bei Audi entwickelt und in Chemnitz den Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement aufgebaut. Für jede ihrer Aufgaben geht Birgit Spanner-Ulmer stets in die Vollen, hält an ihren Überzeugungen fest und bleibt hartnäckig, um Optimierungen voranzubringen. Die Technikdirektorin des Bayerischen Rundfunks über die Lust am Problemlösen und ihre Durchsetzungsfähigkeit in Blazer und Blaumann.

Frau Professor Spanner-Ulmer, wie sehen das Fernsehen und der Hörfunk der Zukunft aus?

Beides wird sich massiv verändern. Allein dadurch, dass heute jeder, der ein Smartphone hat, zum Redakteur werden kann ist bereits ein Kulturwandel eingetreten. Jeder kann irgendein kleines Filmchen machen und es ins Netz stellen. Nutzer haben heute die Möglichkeit der unmittelbaren Verbreitung von Informationen und ohne viel Aufwand das zu machen, was früher den klassischen Medien vorbehalten war.

Was bedeutet das für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? 

Wir müssen viel schneller sein als früher und trotzdem eine hohe Qualität liefern. Wir stehen dafür, dass wir 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche Bericht erstatten und dabei die journalistischen Grund- sätze einhalten. Unser Auftrag als Teil der öffentlich- rechtlichen Medien ist es Berichterstattung und Unterhaltung zu generieren, die konkurrenzfähig aber eben dennoch seriös ist. Das ist schwerer geworden, weil wir nicht mehr das Informationsmonopol haben, aber gerade deshalb umso wichtiger. Nur so können  wir das dringend benötigte Gegenstück beispielsweise zu Fake-News schaffen, also falschen Nachrichten, die häufig im Netz kursieren.

Wie setzen Sie das als Technikdirektorin beim Bayerischen Rundfunk um? 

Wir bündeln unsere Ressourcen im gesamten BR und arbeiten nicht mehr wie bisher getrennt nach Hörfunk, Fernsehen und Online sondern medienübergreifend und bieten unsere Themen auf allen Kanälen an, unabhängig von Zeit und Ort. Für den Bereich der Aktualität etwa bedeutet dies: Wenn ein Redakteur aktuell über einen Bombenfund berichtet, dann macht er den O-Ton, das Fernsehbild und stellt die Informationen zugleich auch in die App, also online, ein. Auf technischer Ebene muss ich dafür sorgen, dass der Redakteur das passende Equipment hat, um alle drei Ausspielwege bedienen zu können. Heute ersetzt oftmals der Technikrucksack, den sich die Kollegen umschnallen und der mit vier SIM-Karten ausgestattet ist, einen Ü-Wagen.

Das hört sich sehr praxisbezogen an, was Sie da machen. 

Das ist es. Sie haben vielleicht auch gehört, dass der BR demnächst nach Freimann umzieht. Auch hier müs- sen wir planen, wie viele Hörfunkstudios wir zukünftig in den neuen Gebäuden brauchen. Ich bin verantwortlich für alles, was auf technischer Ebene mit Hörfunk, Fern- sehen und Online-Produktion zu tun hat – also für die Infrastruktur, mit der wir die Inhalte zu den Menschen bringen, und für das technische Personal. Ich bin ziemlich nah am operativen Geschäft und versuche gleichzeitig, immer nach vorne zu denken. Die Tage sind nicht kurz, aber extrem spannend.

Woraus schöpfen Sie die Kraft dafür? 

Es passiert jeden Tag etwas Anderes. So wird es nie langweilig. Und ich bin Überzeugungstäterin. Ich denke immer: Es geht noch besser. Es gibt nichts, was schon komplett ausgereizt ist. Ich habe einfach Lust an Ideen. Früher habe ich mich aufgeregt, wenn ich das Gefühl hatte, jemand hat mir meine Idee „geklaut“, zum Beispiel bei einer Präsentation. Heute sage ich mir: Schön, wenn andere meine Ideen umsetzen, mir fällt immer etwas Neues ein.

Eine schöne Einstellung. 

Erstens macht es mich frei und zweitens ist es eine gedankliche Herausforderung, weil ich immer wieder kreativ sein darf.

Sie haben Wirtschaftsingenieurwesen studiert und danach die Promotion im Maschinenwesen an der TUM angeschlossen. Wie kam es dazu?

Mir war ziemlich früh klar, dass ich als Frau in den Ingenieurwissenschaften einfach noch ein Stückchen besser sein muss als die männlichen Kollegen. Man könnte auch sagen: sichtbarer sein muss. Deshalb war mir bereits im Hauptstudium klar, dass ich promovieren will. Und ich wusste, dass ich mich noch mehr auf die inge- nieurwissenschaftlichen Fächer konzentrieren möchte. Meine Studienarbeit ging damals in Richtung Produktionstechnik, die Vertiefung dann in die Fertigungstechnik. In dem Bereich wollte ich mich weiter qualifizieren und ihn tiefer beackern. Vor allem die Schnittstelle von Mensch und Technik hat mich dabei interessiert.

Was meinen Sie damit?

Die Faszination hat eigentlich mein Doktorvater, Professor Bubb, in mir geweckt. Er ist einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der Fahrzeug- ergonomie. Mich hat interessiert, wie die menschlichen Denkmuster funktionieren und wie man diese bei der Gestaltung von Produkten berücksichtigen muss, damit ein Produkt sicher und intuitiv bedient werden kann.

Haben Sie ein Beispiel?

Das kann das Cockpit im Auto sein, das in einer bestimmten Weise gestaltet sein muss, damit wir auf Anhieb verstehen, was gerade angezeigt wird. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der Kompatibilität von Stellteilen befasst. Anlass war damals ein Flugzeugabsturz, bei dessen Ursachenforschung man feststellte, dass die Piloten ein Stellteil und die Anzeige nicht kongruent bedienen konnten. Dadurch lösten sie eine Fehlbedienung aus, die zu dem Unfall geführt hat. Die Frage, wie man dieses menschliche Versagen verhindern kann, fand ich ausgesprochen spannend. Meine Promotion war eine fantastische Zeit.

Gibt es ein Erlebnis während der Promotionszeit, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ich durfte Professor Bubb bei den unterschiedlichsten Forschungsprojekten und Industriekooperationen helfen. Schon früh hat er mir Aufgaben mit viel Verantwortung übertragen. Das hat mich stolz und selbstsicher gemacht. Unvergesslich für mich ist zum Beispiel ein wirklich breit angelegter Fahrzeugversuch zur ungewollten Beschleunigung mit 100 Versuchspersonen. Ich durfte alles organisieren: ein Autohaus finden, eine Teststrecke aussuchen, den Umbau der Autos koordinieren, die Versuchspersonen gewinnen und das Versuchsdesign entwickeln. Mit meinen 28 Jahren war das für mich ein Riesending.

Ihre Doktorprüfung auch?

Den Vorsitz hatte Professor Joachim Milberg, der kurz darauf zu BMW ging und später Vorstandsvorsitzender wurde. Dann waren natürlich noch mein Doktorvater und als Beisitzer Professor Heinzpeter Rühmann dabei. Besonders Professor Milberg wollte mehr zur praktischen Anwendbarkeit meiner Arbeit wissen. Es war richtig interessant zu diskutieren, auf welche Weise man meine Überlegungen weiterentwickeln könnte. Mir hat es viel bedeutet, dass meine Forschung so ernst genommen wurde. Nach der Prüfung haben mein Vater und mein Freund – der später mein Mann wurde – mich draußen in Empfang genommen und beglückwünscht. Und eine tolle Überraschung bekam ich auch noch.

Welche denn?

Professor Bubb hatte mir zusammen mit dem Team einen wunderschönen Doktorhut gebastelt. Oben drauf war ein Modell des Roboters, mit dem ich während meiner Promotion die Untersuchungen gemacht habe. Es war batteriebetrieben und konnte sich drehen. Das war der schönste Doktorhut, den ich je gesehen hatte. Ich freue mich bis heute noch darüber und bin sehr stolz.

Und diese positiven Erfahrungen während der Promotion waren der Grund, warum Sie dann noch die Habilitation in Eichstätt angeschlossen haben?

Ich hatte Lust, mich wissenschaftlich weiter zu qualifizieren, aber es gab auch ganz praktische Gründe. Meinem Vater ging es damals leider nicht mehr sehr gut. Wir hatten eine enge Beziehung: Schon seit frühester Kindheit habe ich meinem Vater im Garten geholfen. Wenn er etwas gebastelt hat, hat er mich mit anpacken lassen. Im Laufe seines Lebens ist er erblindet und hat mehr Fürsorge benötigt. Da mein Elternhaus in Eichstätt war, ließ sich das gut mit meiner Arbeit an der Uni verbinden. Ich konnte dafür sorgen, dass es meinem Vater gut ging. Das war mir wichtig.

Hätten Sie auch habilitiert, wenn es diese privaten Gründe nicht gegeben hätte?

Nein. Die Habilitation hat mir am Ende des Tages nicht geschadet. Aber es war eine Zeit, die mich deutlich an meine Grenzen gebracht hat. Wenn Sie mich fragen würden, wann ich meine ersten grauen Haare bekommen habe: Das war damals.

Warum?

Meine Habilitation war an der philosophisch-pädagogischen Fakultät angesiedelt. Das lag mir allein schon fachlich nicht so ganz, weil dort eher mit Modellen gearbeitet wird, von denen mehrere gleichzeitig anwendbar sind, und es selten eindeutige Lösungen gibt. Mein Vater und mein Mann haben mir in der Zeit gut zugesprochen und gesagt: „Stell dich nicht so an, das wird schon gehen.“ Und ich habe nicht aufgegeben. Es gibt Momente, da muss man sich durchbeißen. Nicht alles im Leben ist nur ‚Wünsch dir was‘. Meine Entscheidung, nach der Habilitation in die Industrie zu gehen, fiel mir danach sehr viel leichter.

Hat das Ihr Umfeld auch so gesehen?

Einfach war es nicht. Ich war schon 37 und viele Leute haben mir geraten, in der Wissenschaft zu bleiben, weil ich für einen Job in der Industrie überqualifiziert sei. Ich wollte aber nicht. Dann hatte ich das Glück und bekam ein Vorstellungsgespräch bei Audi, bei dem mir jemand gegenüber saß, der sagte: „Die nehme ich.“

Und war es dann so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Es war noch viel besser. Ich habe im Geschäftsbereich Produktion begonnen und bin sehr schnell reingekommen. Ich konnte sogar Teile meiner wissenschaftlichen Arbeit anwenden. Aber um die Abläufe am Montageband zu verbessern, musste ich erst einmal verstehen, was dort genau passiert. Also habe ich probeweise mitgearbeitet.

Sie standen am Band?

Ja, mein damaliger Chef war fast täglich in der Produktion, und ich habe ihn begleitet. Nach dem ersten halben Jahr bin ich dann selbst für zwei Wochen in den Blaumann geschlüpft und habe mitmontiert. Nach drei oder vier Tagen hat mein Mann mich gefragt, ob ich mich nicht mehr wasche, weil ich überall schwarz sei. Tatsächlich waren das aber lauter blaue Flecken, die ich mir geholt hatte, da ich mich immer ins Fahrzeug hineinbeugen musste. Ich habe wirklich scheußlich ausgesehen. Es war trotzdem eine der besten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Zwei gut investierte Wochen.

Hatten Sie keine Schwierigkeiten, von den Kollegen akzeptiert zu werden?

Klar, die dachten sich am Anfang: „Was will jetzt die Doktorin da?“ Aber ich konnte sie relativ schnell von mir überzeugen, und dann haben wir uns gegenseitig viel geholfen. Auf der Führungsebene war das schwieriger. Da wurde ich sofort als Wettbewerberin wahrgenommen, oder um es negativ zu formulieren, als Konkurrenz. Ich musste mich ordentlich durchsetzen.

Wie haben Sie das gemacht?

Frauen neigen dazu, und das gilt auch für mich, dass sie nicht in die direkte Konfrontation gehen, sondern sagen: „Dann mach ich es einfach besser.“ Das heißt aber auch, man muss…

… doppelt so hart arbeiten.

Genau. Ich habe mir früh angewöhnt, einfach mehr zu machen. Die Mitbewerber gingen nicht gerade zimperlich mit mir um. Es war aber häufig so, dass auf der nächsten oder übernächsten Ebene jemand auf meine Arbeit aufmerksam geworden ist und mich gefördert hat, oder mir mit speziellen Projekten neue Chancen eröffnet hat.

So war es auch bei Audi?

Ja. Ein Jahr, nachdem ich bei Audi begonnen hatte, mit 38, war ich bereits im Management. Und nach drei Jahren wurde ich gefragt, ob ich nicht in die technische Entwicklung wechseln möchte. Das war übrigens TUM-Professor und Alumnus Peter Tropschuh, der mich gerne für die Konzeptentwicklung wollte. Das ist die spannendste Abteilung überhaupt, denn da können Sie sich mit der Frage beschäftigen, wie das Auto der Zukunft aussehen soll.

Nach fünf Jahren haben Sie Audi verlassen, um einen Ruf auf eine Professur in Chemnitz anzunehmen. Sie wollten doch nicht in die Wissenschaft?

Ich hatte bei Audi eine grandiose Zeit. Dann wurde ich auf die Ausschreibung des neuen Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft in Chemnitz aufmerksam gemacht. Ein spannendes Gebiet, da hat meine Neugier gesiegt. Ich habe mich beworben, war beim „Vorsingen“ und bin dort auf dem ersten Platz gelandet. Hinter mir die anderen sechs – alles Männer.

Sie gaben also den gut bezahlten Posten im Management eines weltweit agierenden Automobilherstellers auf, um Professorin an einer mittelgroßen Universität im Osten Deutschlands zu werden. Ist Ihnen die Entscheidung nicht schwer gefallen?

Doch, aber ich hatte bisher in meinem beruflichen Leben so tolle Sachen erleben dürfen und dachte, ein eigener Lehrstuhl könnte die nächste spannende Aufgabe sein. Ich wusste, hier kann ich meine Ideen verwirklichen, hier kann ich noch einmal etwas Eigenes machen, hier gibt es Gestaltungsmöglichkeiten. So war es dann auch: Wir haben viele Industriekooperationen an Land gezogen und dadurch schnell Forschungsprojekte generieren können. Innerhalb kürzester Zeit war der Lehrstuhl auf 45 Mitarbeiter angewachsen.

2012 kamen Sie nach München und traten Ihren Posten beim Bayerischen Rundfunk an. Zugleich wurden Sie als Professorin für Produktion und Technik in der Medienbranche an die TUM berufen. Was wollen Sie den Studierenden vermitteln?

Digitalisierung und innovative Technologien machen vieles möglich. Die Auswirkungen auf Unternehmen und die Gesellschaft im Hinblick auf die Chancen und Risiken zu diskutieren, ist mir wichtig. Dafür will ich bei den Studierenden Begeisterung wecken.

Wissenschaftliche Forschung, universitäre Lehre, industrielle Entwicklung – auf welche von Ihrer vielfältigen Erfahrungen greifen Sie heute am häufigsten zurück?

Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks, hat an meinem ersten Tag zu mir gesagt: Sie werden in diesem Job alles brauchen, was Sie je gelernt haben. Und damit hat er Recht gehabt.

Das heißt, Sie profitieren heute davon, dass Ihr Lebenslauf vielleicht nicht ganz so stringent war?

Ich kann jedem nur empfehlen, nicht nur bei einer Sache zu bleiben, sondern im Rahmen seines Kompetenzfelds möglichst viele Eindrücke im Leben zu sammeln. Es wäre gut, wenn sich die Hochschulen und Unternehmen noch mehr gegenseitig öffnen würden. Die TUM ist da ganz vorne mit vielen Initiativen dabei, die die Interdisziplinarität befördern. Die Durchlässigkeit der Karrieren zwischen Industrie und Wissenschaft sollte noch höher werden. Wer so richtig nach vorne kommen will, muss aus allen Lebenswelten etwas mitkriegen. Das ist meine feste Überzeugung. Mich bereichert es, und ich bin sehr dankbar, dass ich das so machen darf.

 

Prof. Dr. Birgit Spanner-Ulmer

Promotion Maschinenwesen 1993

Birgit Spanner-Ulmer wurde im bayerischen Eichstätt geboren. Nach dem Abitur studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe. Ihre Promotion absolvierte sie an der TUM im Bereich Maschinen- wesen und habilitierte in Eichstätt im Fachbereich Arbeitswissenschaft. Ihre Karriere führte sie von der Wissenschaft in die Industrie und wieder zurück: Nach ihrer Habilitation war sie im Management bei Audi tätig, zunächst im Geschäftsbereich Produktion, später in der Technischen  Entwicklung,  wo sie unter anderem für bessere Ergonomie in neuen Fahrzeugen sorgte. 2004 erhielt sie einen Ruf auf die Professur für Arbeitswissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz. Seit 2012 ist sie Direktorin für Produktion und Technik beim Bayerischen Rundfunk. Dort ist sie verantwortlich für alle Angelegenheiten, die im Zusammenhang mit der Produktions- und Sendetechnik sowie der Distribution und deren Planungen stehen. An der TUM hat sie zudem den Lehrstuhl für Produktion und Technik in der Medienbranche inne, von dem sie derzeit für ihre Tätigkeit beim Bayerischen Rundfunk beurlaubt ist. Birgit Spanner-Ulmer bekam für ihr „hervorragendes technisches Wissen“ als erste Frau den goldenen Ehren- ring des Vereins Deutscher Ingenieure verliehen.

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 2/2018:

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