Universitätskanzlerin Andrea Bör: „Arbeit und Familie waren mir immer gleich wichtig.“

Andrea Bör lebt ihren Traum von Kindern und Karriere: Die promovierte Ingenieurin verantwortet als Kanzlerin der Freien Universität Berlin nicht nur ein Jahresbudget von rund einer halben Milliarde Euro. Sie ist auch in zahlreichen Ehrenämtern aktiv und hat vier Kinder. Wie es die 48-Jährige geschafft hat, sich beruflich immer wieder erfolgreich in reinen Männerdomänen durchzusetzen, was sie dabei gelernt hat und auch, was auf der Strecke bleiben musste, verrät sie im Gespräch mit KontaktTUM.

Frau Dr. Bör, Sie waren insgesamt 18 Jahre an der TUM, haben hier studiert und gearbeitet. Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute hier sind?
Es ist ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Lichtstimmung, Geruch, Namen – alles bekannt und vertraut. Ich werde immer eine besondere Beziehung zur TUM haben. Außerdem lebt meine Familie in München. Daher ist das Heimatgefühl auch familiär bedingt.

Wie sind Sie damals, 1990, an die TUM gekommen?
Ein ganz typischer Werdegang für eine Ingenieurin (lacht). Ich war vorher auf einer reinen Mädchenschule hier in München. Nach dem Abitur habe ich eine Berufsberatung bei Siemens gemacht und der für Schülerkontakte zuständige Herr meinte, ich solle Elektrotechnik studieren, das sei femininer als Maschinenbau. Ich dachte mir, ein bisschen femininer ist bestimmt gut und habe mich eingeschrieben. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse.

Wie meinen Sie das?
Ich war nicht nur eine von wenigen Frauen in unserem Studiengang, ich musste auch gleich in der zweiten Studienwoche wegen eines Kreuzbandrisses operiert werden und war fortan mit Krücken unterwegs. Also kaum zu übersehen… ein Paradiesvogel in einer Männerdomäne.

War diese Sonderrolle schwierig für Sie?
Es war anfangs irritierend. Im 1200er-Hörsaal wurde damals noch gepfiffen, wenn eine Frau ihn betrat. In unseren Lerngruppen waren wir zu zehnt, neun männliche Kollegen und ich. Aber die Kontakte von damals haben sich bis heute gehalten. Einer meiner Kommilitonen ist sogar Patenonkel meines jüngsten Sohnes geworden, ein anderer hat bei meiner Geburtstagsfeier seine zukünftige Frau kennengelernt.

Lag der Berufsberater richtig? Hat Ihnen das Studium Spaß gemacht?
Auf jeden Fall. Es war mit der Mathematik genau das, was ich wollte und es hatte einen Anwendungsbezug. Ich war nicht die Allerbeste, aber im vorderen Drittel war ich dabei. Ich bin problemlos durchs Vordiplom gekommen und das hatte damals durchaus eine Auslesefunktion. Das Studium war mir äußerst wichtig, und ich war sehr gewissenhaft und zuverlässig.

Im sechsten Semester sind Sie schwanger geworden.
Ja, und mein erstgeborener Sohn lag in seiner Babyschale unter meiner Bank. Wir haben zusammen die Vorlesung gemeistert und anscheinend wurde dabei sein Interesse für Mathematik geweckt (schmunzelt).

Hat er immer geschlafen?
Er war sehr ruhig und hat viel geschlafen, aber ich wusste natürlich, welche Zeiten funktionieren. Bei meiner Tochter, die ich im zehnten Semester bekam, war das schwieriger. Durch das Stillen ließ sich ihre Unruhe zwar ganz gut handhaben, allerdings habe ich damit einmal für große Peinlichkeit bei meinem Professor gesorgt, der mich in der Lehrstuhlbibliothek überrascht hat – mit dem Kind an der Brust.

Öffentliches Stillen war zu Ihrer Zeit ungewöhnlich, oder?
Ja, doch nur so hatte ich die Möglichkeit, alle mir wichtigen Vorlesungen zu besuchen. Das waren regelrechte Luxusveranstaltungen, die ich mir als frisch gebackene Mutter gegönnt habe.

Was macht Ihr Mann beruflich?
Er hat am Institut für Holzforschung promoviert, das mittlerweile auch zur TUM gehört. Als ich dann in die Promotion ging und eine Vollzeitstelle hatte, machte er sich selbstständig. Insofern haben wir die Rollen getauscht. Ich war regelmäßig am Lehrstuhl, er hat tagsüber die Kinder versorgt, und ich habe die Nachtschichten übernommen.

Wie sind Sie zur Promotion gekommen?
Nach dem Studium wollte ich in die Industrie gehen. Doch es war in der Tat schwierig, männlichen Interviewern im Bewerbungsgespräch klarzumachen, dass eine Frau mit Kindern durchaus ihren vollen Job leisten kann. Also habe ich mich entschieden, am Lehrstuhl zu bleiben.

Sie waren zunächst wissenschaftlich tätig, später wurden sie Referentin des Vizepräsidenten. Welche Aufgaben hatten Sie dort?
Zusammen mit einem weiteren Kollegen haben wir das große IT-Projekt IntegraTUM geleitet, mit dem eine benutzerfreundliche und nahtlose Infrastruktur für Information und Kommunikation an der TUM etabliert wurde. Das war für mich eine Referentenposition plus Tätigkeit als Projektmanagerin. Genau meins: Wir hatten 30 IT-Mitarbeiter zu managen, und das Projekt hatte einen fachlichen Hintergrund. Dank Professor Arndt Bode als Vizepräsident konnte ich zugleich in die Hochschulpolitik hineinschnuppern. Das hat mir sicher den weiteren Weg in Richtung Wissenschaftsmanagement geebnet.

Inwiefern?
Im Regelfall haben Studierende und Promovierende kaum Einblick in die Hochschulverwaltung und ihre Regularien. Ich hatte mich zwar damals schon in einer Studierendenvereinigung und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich engagiert, doch es ist etwas anderes, Entscheidungen selbst mitzutragen oder sogar Konzeptvorschläge einzubringen.

Sie sind von dieser Position aus direkt Geschäftsführerin der Fakultät geworden.
Ja, das war auf Empfehlung von Professor Bode. Damit sind die Würfel gefallen, mich dauerhaft für Positionen in der Hochschulverwaltung zu interessieren und zu qualifizieren.

Sie waren ab 2008 Chief Information Officer an der Universität des Saarlandes, ab 2011 Kanzlerin der Universität Passau und seit Juli 2016 sind Sie Kanzlerin der Freien Universität Berlin. Bei allen Positionen sind Sie auf männliche Vorgänger gefolgt. Problem oder Privileg?
Es war eine sehr, sehr gute Schule und glücklicherweise hatte ich nie Berührungsängste. Das Studium, aber auch die sieben Jahre am Lehrstuhl, ebenfalls als erste weibliche wissenschaftliche Mitarbeiterin, waren äußerst lehrreich für mich. Dabei hat es sehr geholfen, dass ich in einem Fachgebiet promoviert habe, das bei männlichen Kollegen Akzeptanz fand. Und wenn ich an die Uni des Saarlandes denke, wo ich das Rechenzentrum geleitet habe, wird deutlich, was das heißt: 99 Prozent der Mitarbeiter waren Männer und in der Regel älter als ich.

Und wie war es, als Sie Kanzlerin wurden?
An der Universität Passau war ich die erste Frau in der Hochschulleitung überhaupt, man kannte dort zuvor nur Präsidenten, Kanzler und Vizepräsidenten. Das führte sogar zu Diskussionen darüber, ob die Kollegen ihre Sprache anpassen müssten oder bestimmte Themen nicht mehr frei besprechen könnten. Für mich war das kein Thema, ich hatte meine Sonderrolle als einzige Frau seit zwei Jahrzehnten trainiert. Natürlich gab es auch unangenehme Situationen. Aber: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

Seit 2016 sind Sie Kanzlerin an der Freien Universität Berlin. Welche Aufgaben haben Sie?
Als Kanzlerin ist meine wichtigste Aufgabe, die Universität am Laufen zu halten. Ich bin verantwortlich für Ressourcen, Personal, Finanzen, Räume und ich bin Vorgesetzte des wissenschaftsstützenden Personals. Ich unterstütze den Präsidenten in seinem Tun und helfe als Teil des Präsidiums, die Gesamtstrategie der Universität umzusetzen und weiter zu entwickeln. Als Haushaltsbeauftragte verantworte ich ein Jahresbudget von ungefähr einer halben Milliarde Euro.

Was macht Ihnen daran am meisten Spaß?
Dass diese Aufgabe so vielseitig ist: Bau-Themen, IT-Themen, Personal-Themen, strategische Dimensionen, Lehrentwicklung und vieles mehr. Ich habe vom hochspezialisierten Pferdewissenschaftler über den feinfühligen Philosophen bis zum analytischen Teamplayer mit den facettenreichsten Persönlichkeiten zu tun. Das ist spannend und herausfordernd.

Gibt es Aspekte, die Sie als Belastung empfinden?
Wie in jeder großen Organisation, läuft es nicht alle Tage rund. Manchmal wird es geradezu hochdramatisch, wie 2013 beim Hochwasser in Passau, als wir die Universität drei Tage schließen mussten. Doch letztlich sind eine solche Entscheidung und die Verantwortung dafür mein Job.

Was ist die wichtigste Kompetenz, die eine Führungsperson in diesem Bereich haben sollte?
Sie muss belastbar sein und darf nicht die Nerven verlieren. Hier liegt eine meiner Stärken: Ich bin in Extremsituationen sehr ruhig und denke, handle und entscheide dann fokussiert. Das ist im familiären Bereich übrigens ähnlich.

Sind Sie Perfektionistin?
In gewisser Weise ja, aber meine Kinder haben mich gelehrt, Prioritäten zu setzen. Wenn ich einen vollen Terminkalender habe und jemand braucht dringend Hilfe, muss ich flexibel reagieren und eben verfügbar sein. Ich muss mich permanent auf neue Situationen, Themen und Persönlichkeiten einstellen und entsprechende Entscheidungen treffen. Wie eine Ärztin, die diagnostiziert und die passende Therapie wählt. Immer mitten im Geschehen.

Wie finden Sie Ausgleich zu diesem Arbeitsalltag?
Bei meiner Familie. Am Wochenende bin ich Mutter, Ehefrau und Hausfrau. Und ich mache ein bisschen Sport zum körperlichen Ausgleich.

Ihre Familie lebt in München, Sie in Berlin. Pendeln Sie jedes Wochenende nach Hause?
Mein Mann, mein jüngster Sohn und ich pendeln zwischen München und Berlin. Die drei Großen gehen bereits ihre eigenen Wege.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Kinder das moderne Familienbild, das Sie ihnen vorleben, später auch für sich reklamieren werden?
Ich denke, ja. Mein Mann und ich – wir sind jetzt 25 Jahre verheiratet – haben uns die Rollen sehr gut aufgeteilt.

Haben Sie irgendeine Vision, wie man die Arbeitswelt noch familienfreundlicher machen könnte?
Das A und O ist Flexibilität, aber auch Toleranz auf allen Seiten. Frau kann nicht gleichzeitig perfekte Mutter und Karrierefrau sein, das geht rein zeitlich nicht. Mir hat geholfen, dass ich meine Familie ausblenden konnte, während ich in der Arbeit war, meine Kinder aber dennoch gut versorgt wurden – von Mann, Großeltern, Krippe, Schule. Daher ist es so wichtig, hochwertige Familienangebote mit qualifizierten Kräften vorzuhalten, damit Männer und Frauen sich beruflich selbst verwirklichen können.

Wie meinen Sie das konkret?
Eine qualifizierte Erzieherin oder ein Erzieher kann im Zweifelsfall die tägliche Versorgung der Kinder genauso gut oder besser übernehmen als die berufstätige Mutter. Sie kann und soll keine Mutter ersetzen, aber warum sollte ein Kind nicht drei, sechs oder acht Stunden am Tag von einem Profi betreut werden, die oder der das richtige pädagogische Konzept gelernt hat, um individ­uell zu fördern und zu fordern. Für mich waren Arbeit und Familie immer gleichberechtigt. Das muss die oder der Einzelne für sich zulassen, und dann muss es Kreise ziehen. Es muss unterstützt werden vom Partner, der Partnerin und in der Familie mitgetragen werden. Rol­lenvorbilder sind ebenfalls sehr wichtig: Ich selbst war Mentee in verschiedenen Programmen und später als Mentorin hier an der TUM engagiert. Meine erste Men­torin war übrigens TUM Alumna Maren Heinzerling.

Maren Heinzerling war Ihre Mentorin? Das ist ja eine schöne Geschichte.
Sie hat 1990 den ersten Münchner Mädchen­-Techniktag veranstaltet, und ich durfte als Abiturientin in der Organisation mitarbeiten. Maren Heinzerling hat mich durch mein Studium begleitet. Sie war zwar jedes Mal schockiert, wenn ich wieder schwanger war, aber sie hat mich unterstützt. Auch als ich nach Berlin gegangen bin. Ihr Rat, ihr Vorbild sind mir sehr wichtig. Rollen­modelle sind gerade für Frauen wichtig. Männer finden ihre Rollenmodelle meistens leichter.

Gibt es etwas, das Sie sich wünschen, familiär oder beruflich?
Dass alle Familienmitglieder glücklich sind. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie ihren eigenen Weg finden und ich sie dabei unterstützen kann. Ich wünsche mir, dass meine Partnerschaft mit meinem Mann weiterhin so gut läuft. Und beruflich wünsche ich mir, dass die Freie Universität Berlin als Exzellenz-­Universität weiter­hin Akzente setzt und wir auch als Berliner Verbund in der neuen Exzellenzstrategie erfolgreich sind.

 

Dr. Andrea Bör

Diplom Elektrotechnik und Informationstechnik 1997, Promotion 2005

Andrea Bör wurde 1970 in München geboren und hat nach dem Abitur an der TUM Elektrotechnik und Informationstechnik studiert. Sie war die erste weib­liche wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze und hat 2005 ihre Promotion in Informationstechnik abgeschlossen. Danach war sie Referentin des TUM-­Vizepräsidenten und CIO Prof. Dr. Arndt Bode und Geschäftsführerin der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik. Nach 18 Jahren verließ sie die TUM für die Position des Chief Information Officers an der Universität des Saar­landes. 2011 wurde sie Kanzlerin an der Universität Passau und seit 2016 ist sie Kanzlerin der Freien Uni­versität Berlin. Andrea Bör ist verheiratet und hat vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen.

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 2/2018:

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