VW-Konzernchef Herbert Diess: „Bewegung ist meine große Leidenschaft.“

Als VW-Chef Herbert Diess aus seinem Auto auf dem TUM Campus in Garching steigt, fühlt er sich sofort zurückversetzt in seine Zeit als Maschinenbaustudent: „Genauso sind wir damals auch dagesessen und haben gebüffelt“, erinnert er sich schmunzelnd beim Anblick der lernenden Studierenden vor dem Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften. Erst vor wenigen Wochen ist der Ingenieur zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Volkswagen Konzerns ernannt worden. Zuvor war der 59-jährige zwei Jahre lang als Chef der Stammmarke tätig. Im Interview mit KontakTUM spricht Herbert Diess über seine Vision für Mobilität und sein Leben in und für Bewegung.

 

KontakTUM: Herr Diess, woher kommt Ihre Begeisterung für Autos?

Dr. Herbert Diess: Seit ich denken kann, haben mich Autos und Motorräder fasziniert. Angefangen hat alles zu Kindergartenzeiten mit einer kleinen Schachtel Matchbox-Autos. Das waren so kleine Spielzeugautos im Format 1:43. Außerdem hatten meine Großeltern einen Bauernhof, da konnte ich schon früh mit dem Traktor und mit dem Motorrad fahren, noch bevor ich überhaupt einen Führerschein hatte. Bewegung ist seit jeher meine große Leidenschaft. Mein Lebensweg hat mir demnach viele Träume erfüllt.

Ist das Auto nicht ein Auslaufmodell – gerade in Metropolen und bei jungen Leuten?

Es gibt Menschen, die das so sehen, aber ich teile diese Auffassung nicht. Mobilität ist einfach sehr viel mehr, als sich von einem Punkt zum anderen zu bewegen. Das Erlebnis, ein schönes Auto zu fahren, geht über den reinen Transport hinaus.

Wie werden wir uns denn in Zukunft bewegen?

Der Mobilitätsbedarf steigt weltweit: Die Menschen haben mehr Freizeit und sind demnach öfter unterwegs, Familien verreisen viel mehr als früher. Das Auto wird viele von den Nachteilen, die es heute noch in sich trägt, in den nächsten Jahren verlieren. Der Elektroantrieb steht quasi vor der Tür und wird dazu führen, dass wir sehr viel nachhaltiger Auto fahren. Das automatisierte Fahren wird dafür sorgen, dass wir sicherer unterwegs sind. Die Position des Autos wird in der Zukunft gestärkt statt geschwächt sein.

Sie glauben daran, dass das automatisierte Fahren kommt?

Ja, natürlich. Es ist eigentlich nur noch die Frage, wann wir uns trauen.

Wie muss die Technologie dafür geschaffen sein?

Ich glaube, es reicht nicht, wenn das Auto so sicher ist wie ein Fahrer. Es reicht auch nicht, wenn es zehn Mal sicherer ist als ein Fahrer. Wahrscheinlich muss es eher um 1.000 oder 10.000 Mal sicherer sein als ein Mensch. Technologisch ist das denkbar. Die Möglichkeiten, die sich in den nächsten Jahren eröffnen, sind gewaltig.

Sie haben 1977 angefangen, an der Fachhochschule Fahrzeugtechnik zu studieren und sind danach für Ihr Maschinenbaustudium an die TUM gekommen.

Damit verbinde ich jede Menge gute Erinnerungen. Es gab Professoren, die einem viel vermittelten, auch emotional. Das iwb, das Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswirtschaften, war schon für damalige Verhältnisse sehr industrie- und praxisorientiert. Es gab die Möglichkeit mit Industrieunternehmen wie BMW, Audi oder Daimler zusammenzuarbeiten. Eine tolle Chance, auch ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Arbeitswelt so aussieht. Außerdem habe ich Freundschaften geschlossen, die zum Teil noch heute tragen. Ich bin dankbar dafür. Nach dem Diplom habe ich bei einem Studienfreund ein knappes Jahr im elterlichen Betrieb in Algerien mitgeholfen. Das war eine interessante Zeit. Aber ich fand es dann auch wieder gut, für meine Promotion nochmal an die TUM zurück zu gehen.

Sie wurden dann am renommierten iwb wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Das war eine sehr schöne Zeit. Die Herausforderung, intensiv in ein Thema einzutauchen – über drei, vier oder mehr Jahre – lässt einen Menschen reifen. Und der Ruf der Uni hat auch gepasst: Es kam immer gut an, wenn man gesagt hat, dass man an der TUM studiert. Der Standort hält aber natürlich viele Ablenkungen bereit.

Wie meinen Sie das?

Ich habe schon immer gerne Sport gemacht und mich zum Beispiel im akademischen Segelverein engagiert. Dann locken in München auch beständig die Berge und das tolle Angebot des Zentralen Hochschulsports.

Haben Sie sich jemals überlegt, nach der Promotion in der Forschung zu bleiben?

Ja. Ich hatte damals viel veröffentlicht, und wir haben viele Forschungsvorhaben beantragt, die zu einem entsprechenden Sonderforschungsbereich hier in München geführt haben. Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe Vorlesungen vertreten und mit den Studierenden gearbeitet. Eine Hochschulkarriere hätte mir deshalb sicher auch gefallen. Ich habe mich aber schließlich für die Industrie entschieden, nicht zuletzt, weil man hier noch einen Tick mehr mitgestalten kann.

Sie haben eine beindruckende Industriekarriere gemacht: Direkt nach der Promotion sind Sie zu Bosch nach Stuttgart gegangen, ab 1996 waren Sie bei BMW in verschiedenen Leitungspositionen im In- und Ausland tätig und von 2007 bis 2014 dann Mitglied im Vorstand. Im Juni 2015 kam der Wechsel: Seitdem waren Sie Vorstand der Marke Volkswagen.

Es hat mich sehr gereizt, bei Volkswagen Verantwortung zu übernehmen. Das Unternehmen war 2015 ein bisschen ins Hintertreffen geraten, die Verkaufserfolge ließen nach, die Strahlkraft der Marke ist etwas verloren gegangen. Ich wollte hier unbedingt neue Impulse setzen und Volkswagen auf die großen Veränderungen in der Industrie vorbereiten.

Dann wurde die Aufgabe noch spannender als gedacht: Drei Monate nachdem Sie den Job bei VW übernommen haben, wurde bekannt, dass Volkswagen eine Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung seiner Diesel-Fahrzeuge verwendete, mit denen die US-amerikanischen Abgasnormen umgangen werden konnten. Plötzlich waren Sie Krisenmanager. Was qualifiziert Sie dafür?

Meine Vielseitigkeit: Ich habe im Laufe meines Berufslebens in vielen unterschiedlichen Bereichen in der Industrie gearbeitet, zunächst viel in der Fertigung und dann in strategischen Abteilungen. Als BMW Rover gekauft hat, war ich zum Beispiel intensiv in den Sanierungsprozess eingebunden. Später war ich verantwortlich für das weltweite Motorradgeschäft von BMW. Eine sehr schöne Aufgabe. Ab 2007 habe ich den Vorstandsbereich Entwicklung bei BMW geleitet. Die unterschiedlichen Erfahrungen zu den verschiedenen Fachthemen haben mir sehr geholfen, eine solche Gesamtverantwortung tragen zu können.

Die Verantwortung, die in ihren Händen liegt, hat nicht abgenommen: Vor wenigen Wochen erst wurden Sie zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Volkswagen Konzerns ernannt. Wie bereiten Sie sich auf die Aufgaben vor, die jetzt vor Ihnen liegen?

Das ist ein fließender Übergang. Ich hatte ja die Chance, mich über fast drei Jahre in das Unternehmen einzuarbeiten. Und ich kann die neue Verantwortung auf Grundlage einer erfolgreichen Geschäftsentwicklung übernehmen. Es geht um die Weiterentwicklung des Konzerns. Mein Vorgänger Matthias Müller hat die Neuausrichtung 2015 mit den richtigen Schritten begonnen. Die Unternehmensstrategie ist stimmig. Jetzt geht es darum, diesen Kurs weiter zu verfolgen und noch mehr Tempo aufzunehmen.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision für VW aus? Sind Sie ein Revolutionär?

Ich benutze nicht so gern Schlagworte, um eine differenzierte Entwicklung zu beschreiben. Bei Volkswagen geht es jetzt um Evolution, nicht um Revolution. Wir wollen in einer Phase fundamentaler Umbrüche in der Automobilindustrie die richtigen strategischen Schritte machen und Akzente auf den Gebieten der Elektromobilität, der Digitalisierung und neuer Mobilitätsdienste setzen. Unser Ziel ist es, dass Volkswagen als eines der führenden Unternehmen unserer Industrie die Zukunft der individuellen Mobilität an entscheidender Stelle mitgestaltet.

Haben Sie Ihr Ingenieur-Gen eigentlich an Ihre Kinder weitergegeben? Alle drei studieren ja in diesem Feld, Ihre jüngste Tochter sogar hier an der TUM.

Als Gen würde ich das nicht bezeichnen (lacht). Aber meine Kinder haben gesehen, dass ihr Vater Spaß an der Arbeit hat, einiges erreichen konnte und viel in der Welt unterwegs ist. Das hat sie vielleicht dazu ermutigt, einen ähnlichen Weg einzuschlagen.

Spaß an der Arbeit – gehört der zu Ihrem Erfolgsrezept?

Leidenschaft für das Produkt ist wichtig. Man muss lieben, was man macht. Ich empfinde meinen Beruf als Glücksfall, denn ich bin ein leidenschaftlicher Automobilist, Motorradfahrer und Autobauer. Das verschafft mir auch die Motivation, ein großes Arbeitspensum zu stemmen.

Ihr Alltag ist sicher trotzdem sehr anstrengend: Wie finden Sie Ausgleich?

Ich habe es bisher immer geschafft, ausreichend Sport zu machen und auch Abstand zu finden. Ich gehe gerne in die Berge: Skilaufen im Winter, im Sommer ein bisschen Wandern oder auch mal Klettern und ein paar Hochtouren. Außerdem gehe ich gerne Segeln. Ich habe einen großen Bewegungsbedarf, und dabei gelingt es mir immer ganz gut, mich zu erholen. Die letzten Jahre habe ich mit Kitesurfen und Gleitschirmfliegen angefangen. Ich bin und bleibe eben ein Bewegungsfan.

 

Dr. Herbert Diess

(Diplom Maschinenwesen 1983, Promotion 1987)

Herbert Diess studierte Fahrzeugtechnik an der Fachhochschule München, bevor er 1978 an die TUM wechselte und 1983 sein Diplom im Fach Maschinenwesen erwarb. Nach dem Studienabschluss war er ein knappes Jahr in der Industrie tätig, bevor er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovend ans Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften (iwb) der TUM zurückkehrte. Nach seiner Promotion 1987 arbeitete er bei Bosch in Stuttgart und bei Treto in Spanien, bevor er 1996 in die BMW AG eintrat. Dort war er in verschiedenen Leitungspositionen im In- und Ausland tätig und ab 2007 auch Vorstandsmitglied, wo er sich unter anderem intensiv für die Entwicklung des Elektroautos einsetzte. Im Juni 2015 wechselte er als Vorsitzender des Markenvorstands zu Volkwagen. Mitte April 2018 wurde Herbert Diess zum neuen Vorstandsvorsitzenden von VW berufen. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

 

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 1/2018:

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