Universitätsstifter Rainer Stellwag: „Mit der Isetta von Schwabing in die Welt.“

Rainer Stellwag wird in Schwabing geboren, geht hier zur Schule und studiert schließlich Physik an der Technischen Hochschule in der Arcisstraße. Danach führt ihn sein Job bei der Münchener Rückversicherung als IT-Vertriebsprofi in viele Länder – nach Südafrika und China, Australien und Amerika. Doch seine Heimat ist und bleibt München. Heute im Ruhestand macht er weiterhin, was ihm am meisten Spaß macht: mit Menschen zusammen sein und Kontakte pflegen. Immer wieder kehrt er zu verschiedenen Anlässen zurück an die TUM. Die Erfolge seiner Alma Mater imponieren ihm so sehr, dass er beschließt, einen Teil seines Vermögens als Zustiftung in die TUM Universitätsstiftung fließen zu lassen.

 

KontakTUM: Herr Stellwag, wie könnte man Ihre Biografie zusammenfassen?

Rainer Stellwag: Ich würde sagen: „An der Nabelschnur der Arcisstraße“ oder „Mit der Isetta von Schwabing in die Welt.“

An der Nabelschnur der Arcisstraße? Was bedeutet das?

Ich bin 1939 in der Diakonissenanstalt an der Ecke Heßstraße und Arcisstraße geboren. Zur Schule bin ich auf das Gisela-Gymnasium gegangen in der Nähe vom Elisabethmarkt, also am Ende der Arcisstraße. Und schließlich habe ich das Studium an der Technischen Hochschule begonnen, die ihren Eingang ja auch in der Arcisstraße hat. Heute noch lebe ich in Schwabing.

Und was ist das Geheimnis hinter der Isetta?

Die BMW Isetta! Mit der war ich 36 Jahre liiert und bin auch immer an die TUM gefahren – dafür war ich bekannt. Und es gab nie ein Parkplatzproblem. Ich konnte 13 Minuten nach der vollen Stunde mit dem Auto da sein und saß trotzdem pünktlich um Viertel nach im Hörsaal.

Sie haben Physik an der TH studiert.

Entweder Chemie oder Physik – das war mir schon immer klar. Allerdings habe ich ein viel zu schwaches Gedächtnis für alle Einzelheiten, die man als Chemiker wissen muss. Dagegen haben mich die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die logischen Zusammenhänge, wahnsinnig interessiert. Ich hatte das Glück, gleich von Anfang an mit Professor Josef Lense einen phantastischen Mathematiker als Lehrer zu haben. Das war ein genialer Typ, fast ein Einstein. Die Physik wurde von Professor Joos gelehrt. Und dann natürlich die Stars der TUM: Professor Heinz Maier-Leibnitz und sein Doktorand, der spätere Nobelpreisträger Rudolf Mößbauer.

Sind Ihnen auch noch Kommilitonen im Gedächtnis?

Meine wirklich guten Freunde, eine Handvoll ist das, habe ich fast alle als Mitstudenten an der TH kennengelernt. Die haben Physik studiert und sind mit mir in den Akademischen Gesangsverein München (AGVM) eingetreten. Das ist eine musische Studentenverbindung, in der gesungen, musiziert und Theater gespielt wird. Auch heute noch bin ich dort präsent: In den letzten Jahren hat uns immer mal wieder TUM-Präsident Herrmann bei unserer Rektorenkneipe, dem wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis im AGVM, besucht und brillante Ansprachen gehalten. Da wurde dann Glanz und Witz aus der TUM in die Studentenverbindung gebracht.

Nach Ihrem Studium haben Sie zunächst einige Jahre bei IBM gearbeitet, danach bei der Münchener Rückversicherung. Beide Male im kaufmännischen Außendienst. Als Physiker ein Vertriebsprofi werden: Wie kommt man dazu?

Ich hatte schon während des Studiums angefangen bei IBM als Praktikant zu arbeiten. Der damalige Geschäftsstellenleiter hat mich nach dem Diplom gleich angeworben und mir eine Stelle mit gutem Gehalt angeboten mit Einarbeitung „on the job“ sozusagen. Im Wesentlichen ging es um die Beratung von Kunden, die von elektronischer Datenverarbeitung fast keine Ahnung hatten. Immer wieder waren Leute skeptisch, ob ich als Physiker das kann. Aber Profi-Informatiker gab es damals ja noch gar nicht. Für mich war es eine begeisternde Zeit, und ich habe beim Umgang mit Leuten und organisatorischen Problemen enorm gelernt. Auch da war übrigens die Isetta mit von der Partie: Das hat ein gewisses Schmunzeln ausgelöst, dass jemand von der großen IBM mit der kleinen Isetta auf Kundenbesuch angekurvt kommt.

Den Rest ihres Berufslebens – fast 30 Jahre lang – haben Sie bei der Münchener Rückversicherung verbracht.

Da ging es dann von München aus in die weite Welt: Ich war für Aufbau und Gründung der IT-Abteilungen der Tochtergesellschaften im Ausland verantwortlich. Ein Drittel meiner Dienstzeit war ich auf Reisen – in Südafrika, in China, in Australien, Amerika, Frankreich und England. In dieser Lebensphase, als junger Mann, braucht man nicht viel Heimatbindung. Daher war das ideal und auch ein Grund, warum ich damals noch nicht geheiratet habe. Später habe ich in dem Job allerdings meine heutige Frau kennengelernt, und wir haben 1993 mit der Isetta als Hochzeitskutsche geheiratet.

Seit 1999 sind sie pensioniert. Wie verbringen Sie Ihre Zeit?

Um ehrlich zu sein: Ich bin ein großer Faulenzer, Träumer und Zeitungsleser. Seit meiner Pensionierung mache ich einfach nur noch, was ich gern tue. Wenig Fernsehen und Sport, viel mit Menschen zusammenkommen und Freundschaften pflegen. Ich treffe mich zum Beispiel einmal im Monat mit den Oldies aus der Münchner Rück – das sind die ehemaligen, leitenden Mitarbeiter. Und ich pflege eine rege, internationale Briefkorrespondenz. Das werden Sie jetzt wahrscheinlich nicht mit meiner beruflichen Tätigkeit als EDV-Mann zusammenbringen, aber ich schreibe alle Briefe per Hand. Unser Briefträger viel zu schleppen!

Sprechen Sie mehrere Sprachen?

Bayerisch und Deutsch natürlich. Englisch und Französisch kann ich fließend. Ich verstehe ein bisschen Italienisch, aber über „Pronto“ hinaus ist beim Sprechen nicht viel drin. Dass man sich mit Sprachen die Welt viel besser erschließen kann, das habe ich übrigens von meiner Mutter und meiner polyglotten Ehefrau gelernt. Meine Mutter habe ich immer bewundert. Sie war eine exakte, fleißige, fremdsprachenjonglierende Person. Nach dem Krieg war mein Vater, ein Versicherungs-Mathematiker, im Sanatorium, und meine Mutter hat die Familie ernährt. Sie war Sekretärin bei der amerikanischen Militärregierung, konnte bereits 1945 fließend Englisch, Französisch und etwas Spanisch.

Wer hat sich um Sie gekümmert, wenn Ihre Mutter arbeiten war?

Meine Großmutter draußen am Staffelsee. Das war zwölf Jahre lang die einzige Zeit in meiner Jugend, während der wir nicht in München waren. Wir sind im Krieg nach Murnau evakuiert worden. Meine Großmutter war eine eindrucksvolle Frau: Sie war streng und warmherzig, liebte die Literatur, die schönen Künste und ging regelmäßig in die katholische Kirche. Letztendlich verdanke ich ihr, dass ich ein dankbarer, aufgeschlossener Christ bin. Und das tut gut, wenn Du Dich auch in schwierigen Situationen nicht haltlos fühlst und Gottvertrauen hast.

Sie haben 50.000 Euro als Zustiftung in die Universitätsstiftung fließen lassen.

Es kommen ja noch drei weitere Teilzahlungen, wenn ich das hoffentlich erlebe.

Sie spenden über mehrere Jahre?

Ich wollte nicht gleich als armer Hund dastehen (lacht). Von meinem mir jährlich zukommenden Geldfluss zweige ich eine gewisse Summe ab, über fünf Jahre lang. Es ist ein schönes Gefühl, auf diese Art und Weise mit der TUM Familie verwachsen zu sein.

Und warum stiften Sie?

Meine Frau und ich haben leider keine eigenen Kinder, und ich fand immer, dass es besser wäre, das Geld nicht nur für Vergnügungen auszugeben, sondern damit jungen Leuten eine ähnliche Ausbildungschance zu ermöglichen, wie ich sie selbst genossen habe. In Amerika habe ich oft gesehen, wie private Leute und Firmen ihre Hochschulen finanzieren und unterstützen. Ich finde das sinnvoll. Die TUM hat in den eigenen Reihen beachtliche Leute ausgebildet und sich zudem die besten internationalen Köpfe geholt. Sie hat aus sich selbst heraus Neues und Erfolgreiches geschaffen. Das imponiert mir mächtig und macht mich stolz.

Rainer Stellwag

(Diplom Physik 1965)

Rainer Stellwag hat in den frühen sechziger Jahren an der damals noch Technischen Hochschule genannten TUM Physik studiert. Nach dem Diplom ging er zunächst ein Jahr an die Hochschule Grenoble und dann zur IBM und erwarb zusätzlich zu seiner fachlichen Ausbildung breite Informatik-, Betriebswirtschafts- und Managementkenntnisse. Von 1969 bis zu seiner Pensionierung 1999 war er bei der Münchner Rückversicherung tätig und für die Steuerung der IT-Aktivitäten weltweit verantwortlich. 1993 heiratete er seine Frau Traudl. Seit Dezember 2016 ist er Stifter der TUM Universitätsstiftung.

 

 

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 1/2018:

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