Schauspielerin Maria Furtwängler: „Ich bin eine spätberufene Feministin.“

Maria Furtwängler ist in einem Künstlerhaushalt groß geworden: die Mutter Schauspielerin, der Onkel Regisseur, der Großonkel Dirigent. Mit sieben Jahren stand sie das erste Mal selbst vor der Kamera. Nach dem Abitur entschied sie sich aber für ein Medizin-Studium an der TUM und war einige Zeit als Ärztin tätig. Heute ist sie vor allem für ihre Rolle als Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm bekannt. Ihre Zeit an der TUM empfindet sie aber nicht als Umweg. Das Studium hat ihr die Bestätigung gegeben, die sie heute motiviert, sich für die Rechte von Mädchen und Frauen einzusetzen.

 

KontakTUM: Frau Furtwängler, gibt es Parallelen zwischen dem Beruf der Schauspielerin und dem der Ärztin?

Maria Furtwängler: Jede gute Ärztin und jeder gute Arzt braucht ein gewisses schauspielerisches Talent. Man muss intuitiv spüren, welche Art der Ansprache sich der Patient wünscht, der einem gegenübersitzt. Will er jemanden, der mit ihm auf Augenhöhe spricht, will er einen strengen Arzt oder die bemutternde Form. Und je nachdem, was gerade gefragt ist, sollte man sich als Arzt entsprechend verhalten.

Wie sind Sie eigentlich zum Medizin-Studium gekommen?

Da hatte meine Mutter ganz entscheidenden Einfluss. Sie als Schauspielerin weiß nur zu gut, dass das kein zuverlässiger Beruf ist. Ich war als Schülerin recht begabt in Mathematik und Biologie, also hat sie mir nach meinem Abitur an der Französischen Schule hier in München nahegelegt, die Medizin in Betracht zu ziehen. Ich fand, das sei eine spannende Option. Ich habe dann gerne Medizin studiert und als Ärztin gearbeitet.

Sie haben mit dem Studium in Frankreich begonnen und sind dann an die TUM gewechselt.

Die ersten zwei Jahre bis zum Physikum war ich in Montpellier. Das war eine ganz traditionelle medizinische Fakultät. Der Renaissance-Schriftsteller Rabelais hat dort auch studiert. Es war sehr verschult: Man saß in wirklich jeder Vorlesung, weil der Professor, der die Vorlesung gab, auch der war, der die Prüfungsfragen stellte und korrigierte. Da wollte man nichts verpassen. Das Studium an der TUM brachte dann eine große Veränderung: In Deutschland war es erst einmal egal, ob man zur Vorlesung geht oder nicht, denn am Ende hatte man sowieso die Bücher als Vorbereitung auf die Prüfung durchgearbeitet.

Sie sind schon lange nicht mehr als Ärztin tätig: Welche Bedeutung hat Ihr Studium für Sie?

Die Inhalte des Studiums haben mich entscheidend geprägt und beschäftigen mich heute noch. Wir hatten damals ganz tolle und faszinierende Lehrer in der Psychosomatik. Das Thema habe ich auch in meiner Doktorarbeit aufgegriffen, in der es um Frauen und Schwangerschaftsverluste ging. Das Thema Frauen, Frauengesundheit und Sexualität prägt mich auch stark, nicht zuletzt im Rahmen meiner Tätigkeit als Produzentin und beeinflusst, welche Geschichten ich erzähle. Das Studium hat mir Erdung gegeben und damit ein gutes Gegengewicht zu der sich sehr wichtig nehmenden Schauspielwelt geschaffen. Die Medizin war für mich auf jeden Fall heilsam.

Korrigieren Sie manchmal Ihre Drehbuchschreiber bei der Darstellung von Todesursachen?

Ja, das kommt durchaus vor (lacht). Da bin ich natürlich schon ein bisschen mühsam, aber hoffentlich auch manchmal hilfreich.

Sie investieren viel Energie in Ihr Anliegen, Mädchen und Frauen zu unterstützen. Mit Ihrer Stiftung MaLisa ermöglichen Sie Mädchen und jungen Frauen den Weg aus dem Menschenhandel. Woher kommt Ihre Motivation für dieses Engagement?

Ich bin durch meinen ersten Einsatz als Ärztin für die German Doctors so richtig auf das Thema aufmerksam geworden. Mein Weckruf erfolgte in Kalkutta in Indien. Als junge Ärztin erlebte ich, dass weibliche Babys dort viel weniger wert sind als männliche – für die Gesellschaft, aber auch für die Mütter. Das mag aus heutiger Sicht naiv klingen, aber ich hatte vorher überhaupt kein Bewusstsein dafür, dass mein Geschlecht weniger wert sein könnte. Mit diesen Eindrücken bin ich nach Deutschland zurückgekommen und habe plötzlich wahrgenommen, dass hier auch oft Diskriminierung herrscht. Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt, und es gibt viele Formen von Frauenverachtung. Ich habe eine stärkere Sensibilität dafür entwickelt, Frauenverachtung subkutan zu erspüren – auch unter uns Geschlechtsgenossinnen.

Wie meinen Sie das?

Wir Frauen sind vielfach nicht solidarisch. Das liegt daran, dass wir von Geburt an dazu erzogen sind, anderen zu gefallen. Da können wir natürlich Konkurrentinnen nicht dulden. Das Motto ist: Je mehr Leute mich toll finden, desto mehr bin ich wert. Und so lange uns das eingebläut wird, wird es für Frauen kein wirklich ausschlaggebendes Kriterium sein, ob sie smart oder teamfähig sind. Wir müssen uns anstrengen, das zu ändern.

Sie selbst haben einen ersten Schritt dazu getan: Mit Ihrer Stiftung haben Sie eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Repräsentation von Frauen und Männern im deutschen Kino und Fernsehen untersucht hat.

Die Ergebnisse zeigen in alarmierender Weise, wie sehr Frauen im deutschen Fernsehen und Kino unterrepräsentiert sind. Das gilt sowohl für fiktive Formate als auch für Informationssendungen und Shows. Zwei Drittel aller zentralen Personen auf den Bildschirmen und Leinwänden sind Männer. Frauen, die abgebildet werden, sind meist unter 30 und werden vorwiegend im Zusammenhang mit Beziehung und Partnerschaft gezeigt.

Warum ist es so wichtig, dass Frauen im Fernsehen und Kino vorkommen?

Wir müssen uns darüber bewusst sein, welche Macht Bilder haben. Alles, was wir sehen, hat einen großen Einfluss darauf, was wir uns vorstellen können. Nach dem Motto: „Sichtbar heißt machbar.“ Dafür gibt es gute Beispiele. In Amerika ist zum Beispiel der schnellst wachsende Sport unter jungen Frauen im Moment Bogenschießen. Und woher kommt das? Die Heldin der Jugend-Filmreihe „Tribute von Panem“ ist eine erfolgreiche Bogenschützin. Es gibt noch ein schönes Beispiel: Seit in vielen amerikanischen Krimiserien die Rolle der Forensikerin weiblich besetzt wird, ist der Anteil an Forensik-Studentinnen in Amerika um rund 75 Prozent gestiegen. Es ist wichtig, dass sich die Medienmacher an der eigenen Nase packen: Routinemäßig besetzen sie den Chefarzt und den Piloten männlich, doch das führt zu einer starken und fehlerhaften Festschreibung unserer inneren Bilder.

Frauen retten nicht die Welt?

Ja, genau. Sogar ich selbst entkomme dieser Gedankenwelt nicht. Es ist ungefähr neun Jahre her, da bin ich regelrecht vor mir selbst erschrocken. Ich saß in einem Flieger von München nach Berlin. Plötzlich meldete sich über Lautsprecher eine weibliche Stimme und sagte: „Guten Tag, hier spricht Frau Meier, ich bin die Pilotin auf Ihrem Flug nach Berlin.“ Meine erste Reaktion war: „Wie komme ich hier raus?“ Rein intellektuell war mir klar, dass eine Frau natürlich ein Flugzeug steuern kann, aber ich hatte keine passenden inneren Bilder verfügbar. In jedem Bilderbuch, in jedem Hollywoodfilm, den ich je gesehen habe, war es immer ein Mann, der das Flugzeug durch ein gefährliches Gewitter gelenkt hat.

Ihre Urgroßmutter war eine der zentralen politischen Figuren in der Weimarer Republik, Ihre Mutter ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Wurde Ihnen die Selbstverständlichkeit von Frauenrechten in die Wiege gelegt?

Meine Mutter ist eine starke Frau und war seit jeher sehr emanzipiert. Ich bin eher eine spätberufene Feministin, wie leider die allermeisten Frauen. Fast alle jungen Frauen, und so ging es mir auch, haben das Gefühl: „Ich kann doch alles werden, mir ist überhaupt kein Stein in den Weg gelegt.“ Bei den meisten Frauen kommt aber im Alter von 30 oder 35 Jahren der erste Knick. Viele bekommen ihr erstes Kind und plötzlich merken sie: „Huch. Irgendwie ist die Welt doch nicht ganz so freundlich aufgestellt für Frauen –  und für Frauen mit Kindern erst recht nicht.“

Eine neue Webserie, die Ende des letzten Jahres an der TUM gedreht wurde, soll Frauen und Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren Lust auf die technischen Studienfächer machen und mit einigen Klischees aufräumen. Sie spielen in der Webserie eine Professorin für Datenverarbeitung.

Es freut mich, dass ich diese Sache unterstützen kann. Gerade für die jungen Mädchen ist es sehr wichtig, was sie zu sehen bekommen. Im Kinderfernsehen ist die Unterrepräsentation nämlich noch ausgeprägter: Nur eine von vier Figuren ist weiblich. Und sie ist entweder eine Hexe, eine Fee, eine Mutter oder ein Objekt der Begierde. Aber sie ist keine Erfinderin, kein Computernerd und keine Astronautin. Aber gerade, wenn es um Ingenieure und Informatiker geht, wie in der neuen Webserie, müssen wir aufpassen. Das sind doch die Menschen, die irgendwann unsere Zukunft programmieren und gestalten. Das können wir doch nicht nur den Männern überlassen.

 

Maria Furtwängler

(Promotion Medizin 1996)

Nach dem Abitur studierte Maria Furtwängler Humanmedizin an der Universität Montpellier in Frankreich und wechselte nach dem Physikum an die TUM, wo sie 1996 promovierte. Danach arbeitete sie als Ärztin, entschied sich jedoch schließlich, ihr Berufsleben ganz der Schauspielerei zu widmen. Seit 2002 spielt sie die Hannoveraner Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm, die Mutterrolle spielt ihre eigene Mutter, Schauspielerin Kathrin Ackermann. Ein besonderes Anliegen von Maria Furtwängler ist es, Mädchen und Frauen zu unterstützen, wo diese auf der Welt Verachtung und Diskriminierung ausgesetzt sind. Mit der Stiftung MaLisa, die sie zusammen mit ihrer Tochter Elisabeth gegründet hat, ermöglicht sie Mädchen und jungen Frauen einen Weg aus dem Menschenhandel. 2003 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement bei der Hilfsorganisation German Doctors. Maria Furtwängler ist mit dem Verleger Hubert Burda verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

 

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 1/2018:

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Motiv: Adobe Stock (Dmitry Koksharov); Grafik: Pixelperfektion