Regelungstechnikerin Eveline Gottzein: „Ich bin zäh und gebe nie auf.“

Vor ihrer Flucht schickte Eveline Gottzein ihre Fachbücher per Post in den Westen. Hier schloss sie das technische Studium ab, das ihr aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft in der DDR lange verwehrt worden war. Als Expertin unter anderem für Bahn -und Lageregelungssysteme für Satelliten und Schwebesysteme für Magnetschwebebahnen legte sie danach eine beeindruckende Karriere hin und managte Projekte auf der ganzen Welt. Für ihre Leistungen wurde sie mit dem Bayerischen Verdienstorden, dem Großen Bundesverdienstkreuz und als bisher einzige Frau mit dem Werner-von-Siemens-Ring ausgezeichnet.

 

KontakTUM: Frau Gottzein, Sie haben eine Ausbildung gemacht, gearbeitet, standen schon mitten im Beruf – und haben dann noch einmal mit einem Studium angefangen. Wie war das?

Ich wollte immer studieren, am liebsten Mathematik und Physik, aber aufgrund meiner bürgerlichen Herkunft und weil mich der Rektor nicht mochte, haben sie mich nicht zum Studium vorgeschlagen. Das war in der DDR damals so: Wenn man nicht vorgeschlagen wurde, war es erst einmal aus. Das hat geschmerzt, denn schon in der Grundschule habe ich mich für die technischen Bereiche interessiert. Mein Vater ist Ingenieur, er wollte immer Jungs haben, hat aber nur Mädchen gekriegt. Diese waren am Ingenieurwesen aber genauso interessiert wie er. Obwohl meine Mutter ihm beim zweiten Mädchen schon gedroht hat: „Du, aus der machste mir nicht schon wieder einen Jungen“ (lacht).

Was haben Sie statt dem Studium gemacht?

Eine Ausbildung zur Elektrotechnikerin im RFT Fernmeldewerk Leipzig. Das hat mich sofort fasziniert, besonders die Arbeit im Entwicklungslabor. Ich war wohl ganz gut im Arbeiten und wurde als Aktivistin vorgeschlagen. Das war eine staatliche Auszeichnung der DDR für Personen, die über die Normen und Vorgaben hinausgehende Leistungen erbracht haben. Als Aktivistin wurde ich vom Betrieb zum Studium an die Technische Hochschule Dresden delegiert. Auch damals schon wurden Frauen für technische Berufe händeringend gesucht. Eine Weichenstellung für mich.

Während des Studiums haben Sie eine elektronische Anlage zur Simulation komplexer industrieller Prozesse entwickelt. Das hatte es bis dato noch nicht gegeben. Sie war 1957 eine der Attraktionen auf der Leipziger Frühjahrsmesse und auf dem Titelbild des Messehefts der Funktechnik 8, 1957, abgebildet Dann sind Sie geflohen.

Dadurch, dass ich für die Messe die Simulationsanlage MOSYAN entwickelt hatte, habe ich einen Beratervertrag bekommen und konnte nach Berlin fahren und auch Gepäck mitnehmen – natürlich alles sehr vorsichtig.

Wusste Ihre Familie, was Sie vorhatten?

Mein Vater wusste nichts, aber er hat es geahnt. Meine Mutter hat mir dann hinterher erzählt, der Vater sei aus Berlin zurückgekommen und habe gesagt: „Die kommt nicht wieder“. Als ich nach Jahren zum ersten Mal meine Schwester wiedersah, meinte sie – Gott sei Dank – zu mir: „Hast Du richtig gemacht“. Denn sie musste es ausbaden, dass ich geflohen bin. Sie war Segelfliegerin und offensichtlich sehr gut– dann aber durfte sie nicht mehr fliegen. Nach meiner Flucht stand meine Familie unter besonderer Beobachtung, das ganze Haus “verwanzt“.

Sie haben Zeitgeschichte erlebt.

 Ja, wirklich. Aber wissen Sie, das wird einem überhaupt nicht bewusst, wenn man selber mittendrin steckt. Man empfindet es bedrohlich oder großartig, man macht mit, soweit man mitmachen kann. Die Tragweite ist mir erst später klargeworden.

Als Sie in Westdeutschland angekommen sind – wie war das?

Ich war erst in Gießen im Aufnahmelager. Mir war von Anfang an klar, dass ich nach Darmstadt zum Studieren wollte. Hier kannte ich aus der Literatur schon die Namen der für mich wichtigsten Professoren. In Gießen war ich sowieso schon in Hessen, das passte ganz gut.

Was haben Sie bei Ihrer ‚Reise in den Westen‘ mitgenommen?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich geliebte Bücher als Päckchen in die Briefkästen geworfen habe, um sie so in den „Westen“ zu schicken. Das waren zum Beispiel die Lehrbücher von Heinrich Georg Barkhausen, dem deutschen Physiker, bei ihm hatte ich in Dresden noch Vorlesungen gehört. Er war einer der Pioniere der Röhrentechnik. Damit hatte ich eine schöne Basis für meine neue Bibliothek. Papiere über meine Prüfungen oder Zeugnisse allerdings hatte ich nicht mit im Gepäck. Deshalb musste ich in Darmstadt noch einmal von vorne anfangen. Ich sollte auch das Abitur nachmachen.

Sie mussten wirklich noch einmal die Schulbank drücken?

Es hat sich glücklicherweise relativ gut gelöst durch Professor Joachim Maruhn, der in Gießen war und der für mich bürgte: „Bestellen Sie herzliche Grüße, ich wünsche ihr alles Gute“ und so weiter.

Ich musste nur die Diplomprüfungen wiederholen, aber das war überhaupt kein Problem. Ein Professor meinte beruhigend zu mir: „Sie brauchen keine Angst haben, wir stellen keine schlimmen Fragen.“ Und ich sagte: „Herr Professor, das ist doch kein Thema. Ich habe auf dem Gebiet gearbeitet“.

Sie haben schon während des Studiums gearbeitet?

Ich hatte ein kleines Stipendium und profitierte von dem sogenannten „Hessenerlass“, mir wurden wie einem „Landeskind“ die Studiengebühren erlassen. Am Anfang habe ich nebenbei Strickmaschinen verkauft. Ich bin in Hessen auf dem Land zu Bäuerinnen gefahren, die perfekt waren im Stricken, und habe ihnen erklärt, wie das mit der Strickmaschine geht. Das war eine lustige Erfahrung, aber nur eine kurze Episode. Dann ging es schneller weiter, als ich überhaupt nachgekommen bin. Während der Semesterferien habe ich bei der Computerfirma Electronic Associates in Brüssel gearbeitet, später sogar mit einem Vertrag während des Studiums. Ich bin also zwischen Brüssel und Darmstadt hin- und hergeflogen und gefahren. Nebenbei habe ich noch die Prüfungen gemacht.

Das muss anstrengend gewesen sein.

Ich war fasziniert von den Chancen und entschlossen diese weitestgehend zu nutzen. Ich erinnere mich noch an die Vorbereitung auf meine theoretische Physikprüfung. Ich kam mit dem Flugzeug aus Brüssel angeflogen, und wir waren ewig in der Warteschleife über Frankfurt. Ich hatte das Lehrbuch von Arnold Sommerfeld auf dem Knie. Ich habe weitergearbeitet, weitergelesen, das ganze Kapitel. Wir landeten dann mit Verspätung. Ich habe nach der Landung gleich Herrn Professor Scherzer angerufen, und er meinte, er könnte die Prüfung verschieben. Ich habe gesagt: „Nein, Herr Professor, ich nehme mir ein Auto und komme sofort.“ Er  war sehr besorgt und sagte, fahren Sie bloß vorsichtig -Und was kam in der Prüfung dran? Genau der Teil im Sommerfeld, den ich eben noch im Flugzeug gelesen hatte.

Die Prüfung haben Sie natürlich bestanden und dann kamen Sie nach Bayern.

Ja, Ministerpräsident Franz Josef Strauß hat damals den Hubschrauber- und Flugzeughersteller Bölkow nach München geholt, nach Ottobrunn. Dort war ein Versuchsgelände von der Aerodynamischen Versuchsanstalt mit riesen Windkanälen. Bölkow hat dort Raketen entwickelt: Kobra, Milan, Hot und die große Roland, die Fliegerabwehrrakete und dann ganz große Trägerraketen, die Vorläufer von der Ariane. Dafür brauchten sie Regelungs- und Simulationssysteme. Sie wollten, dass ich dazu komme und die Systemsimulation aufbaue. Von meiner Tätigkeit im Simulationszentrum von Electronic Associates in Brüssel hatte ich ja einschlägige Erfahrung mit der Simulation komplexer technischer Systeme, wie Flugzeuge und Kernkraftwerke. Eines der Argumente, um mich zu überzeugen war: „Und diese wunderschöne Umgebung, die Seen und die Berge“. Meine Antwort war: „Berge interessieren mich überhaupt nicht!“ Ich wollte nach Amerika, in die USA, nach Princeton. Naja, und dann habe ich mich doch entschieden, beim Aufbau zu helfen. Ich bin geblieben – 50 Jahre.

Haben Sie die Berge mittlerweile lieben gelernt?

Das ist der größte Witz von allem. Als ich meine Diplomarbeit endlich fertig hatte, bin ich in die Berge gefahren. Das weiß ich noch ganz genau, das war an einem Neujahrsmorgen, wunderschönes Winterwetter. Da dachte ich: „Naja, Du musst Dir ein paar Bergschuhe anschaffen, aber erst im Ausverkauf was ganz Billiges, denn Du weißt ja gar nicht, ob Dir das überhaupt gefällt“. Das war der Anfang. Kurze Zeit darauf brauchte ich feste Bergschuhe, Steigeisen, Eispickel und Harness und habe eigentlich meine ganze Freizeit im Gebirge verbracht. Dann ging es mit dem Skifahren und Skitouren los und brachte mich bis auf den Mont Blanc. Wenn man sagt, ich bin den Bergen verfallen, reicht das als Beschreibung kaum aus.

Sie sind danach an die TUM gekommen, um zu promovieren. Was hat Sie dazu motiviert?

Ganz ehrlich: Für den Beruf hätte ich es damals überhaupt nicht gebraucht. Ich habe aber immer Themen gehabt, die mich fasziniert haben und an denen ich gearbeitet habe. So wie zum Beispiel die Magnetschwebebahnen. Das war damals gerade „in“ und vor allem es gab Versuchsfahrzeuge zum Erproben. Ich hatte schon einen Haufen Material und habe naiv gedacht, jetzt nehme ich mir mal sechs Wochen Auszeit und mache das fertig. Also habe ich angefangen zu schreiben, und es ging mir wie wahrscheinlich allen in ähnlicher Situation. Überall diese Lücken, an denen noch gearbeitet werden musste. Also hat es fünf Jahre gedauert. Aber ich war konsequent und habe gesagt: „Ok, kein Gebirge, so lange nicht abgegeben ist.“ Meine Dissertation war dann 532 Seiten lang, schreibmaschinegeschrieben und korrigiert mit Schere und Klebstoff. Aber ich hatte die Grundlagen für das Schwebesystem des Transrapids entwickelt.

Sie waren zu dieser Zeit schon seit über 20 Jahren in der Industrie tätig und waren Leiterin einer Hauptabteilung für Regelung und Simulation. Wie haben Sie die Doppelbelastung mit der Promotion gemeistert?

Faktisch konnte ich nur nach Feierabend und am Wochenende an der Promotion arbeiten. Aber Feierabend gab es eigentlich keinen, also nur von Freitagabend bis Montag in der Früh. Im Flugzeug habe ich auch viel geschafft. Meinem „Doktorvater“ Herrn Professor Kurt Magnus, der damals an der TUM das Institut für angewandte Mechanik geleitet hat und seinem damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter bin ich ewig dankbar dafür, dass sie das so großzügig nicht nur toleriert, sondern auch unterstützt haben.

Haben Sie sich als Frau jemals benachteiligt gefühlt im Studium oder in Ihrer Arbeit?

Ich musste mir schon viel anhören. Die Verwandtschaft in Westfalen hat zum Beispiel gesagt: „Mädchen, wie siehst Du denn wieder aus? Das kommt alles von der Studiererei.“ Die Meinung in der Bevölkerung war allgemein, dass das nichts für Frauen ist. Und im Studium waren wir 700 Erstsemester, aber nur sechs oder sieben Frauen. Die wenigen Frauen, die mit mir in der Vorlesung saßen, kamen aus dem Ausland – Frankreich oder Italien. Auch heute noch interessieren sich weniger Mädchen für Technik, weil man ihnen einredet, das sei nichts für sie.

Kann man daran etwas ändern?

Ich habe Hoffnung. Der Stiftungsrat der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring bemüht sich seit Jahren intensiv um die Nominierung von Frauen. Es gibt dort den Kreis der Jungwissenschaftler. Bei denen ist der Frauenanteil schon ganz erheblich. Auch die Technik selbst ändert sich und bietet eine größere Vielfalt von beruflichen Möglichkeiten. Ich setze mich ein, wo ich es für angebracht halte und Gelegenheit dazu habe.

Aber sie sind nach wie vor die einzige Frau, die bisher mit dem Werner-von-Siemens-Ring ausgezeichnet wurde.

 Aber den gibt es für die Lebensleistung. Da muss man schon ein gewisses Alter erreicht haben. In der Zukunft werden sich mehr Frauen zur Technik hingezogen fühlen, auch weil sich diese ändert. Bei mir ging es im Maschinenbau-Praktikum darum, Sand einzustampfen und Zahnräder mit Stiften zu versehen. Da muss man schon sehr begeistert sein, um das schön zu finden. Aber heute gibt es viel mehr softwareorientierte Ansätze.

Ich stelle Sie mir vor: Wie Sie als Abteilungsleiterin mit Ihren Mitarbeitern durch die Welt fliegen und Projekte in Japan, China und Brasilien managen. Da waren Sie als Frau doch sicher die Ausnahme.

Natürlich. Ich musste mich schon durchsetzen, vor allem in fremden Kulturen. Man muss wissen, was man will. Das ist überhaupt das Wichtigste, dass man weiß, was man will. Man muss seine Möglichkeiten erkennen und sich eine Strategie, ein Konzept machen, wie man die Möglichkeiten ausnutzen und selber gestalten kann. Im Allgemeinen sind die Männer froh, wenn sie jemanden haben, der ihnen sagt, wie es geht, oder?

Im Rückblick auf Ihre sehr erfolgreiche Karriere. Welche Ihrer Eigenschaften war maßgeblich entscheidend für den Erfolg?

Ich habe eine gute physikalisch-technische Ausbildung in den Grundlagen an guten Universitäten bei hervorragenden Lehrern erhalten. Meine Hauptfähigkeit ist, glaube ich, dass ich Zusammenhänge erkenne, Konzepte entwickeln kann und zäh bin. Und ich gebe nie auf. Ich kann abschätzen, was Erfolg haben könnte und was nicht geht. Und dann gebe ich nicht nach, sondern mache weiter. Und nicht zuletzt war wichtig, dass ich immer jemanden gefunden habe, von dem ich Unterstützung bekommen habe. Es gab sehr schwierige Zeiten, sehr ärgerliche Zeiten, aber ich habe mich nie unterkriegen lassen.

Prof. Dr. Eveline Gottzein

(Promotion Maschinenbau an TUM, 1983)

Eveline Gottzein absolvierte nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Elektrotechnikerin. Von 1952 bis 1957 studierte sie Elektrotechnik, Mathematik und Physik in Dresden und nach ihrer Flucht aus der DDR in Darmstadt. Schon während des Studiums arbeitete sie als Ingenieurin am Europäischen Simulationszentrum der Electronic Associates in Brüssel. 1959 kam sie zum Hubschrauber- und Flugzeughersteller Bölkow nach München, wo sie schon bald als Hauptabteilungsleiterin internationale Projekte unter anderem in Japan, China und Brasilien managte. Parallel zu dieser Tätigkeit promovierte sie an der TUM zum Thema Magnetschwebebahnen. Sie ist Honorarprofessorin an der Universität Stuttgart und „Distinguished Affiliated Professor“ an der TUM. Als bisher einzige Frau wurde sie mit dem Werner-von-Siemens-Ring ausgezeichnet, der höchsten deutschen Auszeichnung für Personen, die durch ihre Leistung die technischen Wissenschaften gefördert oder als Vertreter der Wissenschaft durch ihre Forschung der Technik neue Wege erschlossen haben. Sie ist außerdem Inhaberin des Bayerischen Verdienstordens, des Bayerischen Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst, des Großen Bundesverdienstkreuzes und Fellow der International Federation on Automatic Control (IFAC) und des American Instituts on Aeronautics and Atronautics (AIAA).

 

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 1/2018:

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