Bundesligatrainer Manuel Baum: „Familie und Fußball bestimmen mein Leben.“

Eigentlich ist Manuel Baum Sportlehrer. Seit Dezember 2016 aber macht er, wovon viele träumen: Als Cheftrainer eines Fußball-Bundesligisten fährt er jedes Wochenende Erfolge ein. Sein Verein – der FC Augsburg – war zu Beginn dieser Saison Abstiegskandidat Nummer 1 und legte dann den besten Bundesligastart seiner Geschichte hin. Ein Gespräch mit dem TUM Absolventen Manuel Baum über den Umgang mit der plötzlichen Popularität, schlaflose Nächte nach verlorenen Spielen und die wohl schwerste Entscheidung seiner beruflichen Karriere.

 

KontakTUM: Herr Baum, schalten Sie weg, wenn Sie sich selbst im Fernsehen sehen?

Manuel Baum: Nein, nicht gleich. Allerdings sehe ich mich selbst fast nie. Wenn die Berichterstattungen laufen, bin ich meist noch im Stadion, sonntags beim Training oder mit meiner Familie unterwegs. Ich höre immer nur von anderen, wie ich rüberkomme.

Sie werden für Ihre Ruhe und Gelassenheit gelobt.

Naja, im Spiel, am Spielfeldrand bin ich schon sehr emotional. Aber wenn das Spiel aus ist, überwiegt wieder meine analytische Seite. Das würde ich als mein Naturell bezeichnen. Mein Ansatz ist, lösungsorientiert an die Dinge heranzugehen, ohne Emotionen. Ich lasse mich nicht so sehr von Ergebnissen oder Schlagzeilen leiten.

Ist das Ergebnis im Fußball nicht das, worauf es ankommt?

Wir versuchen die Spiele anders aufzuarbeiten. Der Mainstream sagt: Gewonnen, das Spiel muss gut sein. Verloren, das Spiel muss schlecht sein. Uns geht es darum, objektiver zu urteilen. Wenn man mal verloren hat, dann können trotzdem Abschnitte des Spiels oder Strategien gut gewesen sein. Wenn man so an das Thema herangeht, dann ist man auch für schlechte Zeiten gut gerüstet.

Fällt es Ihnen schwer, mit der plötzlichen Popularität umzugehen? Man erkennt Sie auf der Straße, jeder hat eine Meinung zu dem, was Sie tun…

Nein, das fällt mir sogar ziemlich leicht. Es macht mir Spaß. Und als Lehrer ist man es gewohnt, vor Gruppen zu agieren, die einem auch mal kritisch gegenüber stehen (lacht).

Theoretisch kann jeder Bundesliga-Trainer werden, und viele träumen davon. Sie haben an der TUM ein Doppelstudium absolviert: Zum einen Diplomsportwissenschaft mit Schwerpunkt Ökonomie und Management und zum anderen Sport und Wirtschaft für das Realschullehramt. Gab es Kommilitonen, die das Ziel hatten, Fußballtrainer in der Bundesliga zu werden?

Explizit wollte das, glaube ich, keiner machen. Aber auch bei mir war es nicht so, dass ich mir dachte: „Boah, ich will jetzt unbedingt.“

Das müssen Sie uns genauer erzählen.

Ich habe von klein auf Fußball gespielt als Torhüter: Erst in Dingolfing in Niederbayern und dann mit 15 Jahren in München beim TSV 1860. Seitdem habe ich alleine in München bei einer Gastfamilie gewohnt und nebenbei das Gymnasium besucht beziehungsweise danach das Studieren angefangen. Mit 18 bin ich nach Ismaning in die Herrenmannschaft gewechselt und habe zugleich das erste Angebot von 1860 bekommen, dort als Spezialtrainer für Torhüter zu arbeiten.

Sie haben sofort zugesagt?

Für mich war es interessant, beides zu machen: Spieler zu sein und Trainer. Die Frage des Warums im Training war für mich schon immer wichtig. Also nicht einfach nur Inhalte zu konsumieren, sondern zu verstehen, warum ich einen Lauf absolvieren oder Krafttraining machen muss. Deshalb habe ich mich später für das Diplomstudium entschieden: Dort konnte man richtig in die Tiefe gehen.

Das heißt, Sie haben während des Studiums schon als Trainer gearbeitet?

Ich habe das Doppelstudium gemacht, in Ismaning selber Fußball gespielt – das war zu der Zeit die vierhöchste Liga, jetzt Regionalliga Bayern – und habe außerdem bei 1860 eine Trainertätigkeit im Nachwuchs gehabt. Das war schon ein knackiges Programm.

Sie haben viel investiert in Ihre Trainerlaufbahn. Auch nach dem Studium war Ihr Leben ganz vom Fußball bestimmt: Nach dem Referendariat sind Sie an eine spezielle Realschule in Taufkirchen gegangen – zertifiziert als so genannte Eliteschule des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Nebenbei haben Sie in Unterhaching eine Drittligamannschaft trainiert.

Genau, da ging es also gleich knackig weiter (lacht). Ich war schon immer jemand, dem Multitasking leicht fiel. In Unterhaching hat Stefan Reuter, Geschäftsführer Sport beim FC Augsburg, zugeschaut und ihm gefiel meine Handschrift. So bin ich Cheftrainer des Augsburger Nachwuchsleistungszentrums geworden.

Und schließlich kam im Dezember 2016 der entscheidende Anruf?

Man wollte wissen, ob ich die Profis übernehmen kann. Ich war gerade mit der Familie im Urlaub und habe zuerst meine Frau gefragt. Und dann mussten wir schnell heimfliegen (lacht). So kam das: Da gehört natürlich Glück dazu, dass man eine solche Chance bekommt. Was ich momentan erleben darf, ist ein Privileg.

Einige Ihrer früheren Schüler spielen jetzt bei Ihnen in der Mannschaft. Fiel Ihnen und den Spielern der Rollenwechsel schwer?

Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass es ein Problem war. Eher im Gegenteil: Die Spieler kannten mich schon und wussten, wie ich ticke. Das hat wiederum mir geholfen, weil meine ehemaligen Schüler vermitteln konnten in dem Sinne, dass sie anderen Spielern gesagt haben: „Denk dir nix dabei, der macht das immer so.“ Und umgekehrt kannte ich die Jungs natürlich auch.

An der Schule, an der Sie früher unterrichtet haben, gab es reine Fußballklassen. War das eine Herausforderung?

Es gibt ja drei Schularten – Mittelschule, Realschule und Gymnasium – und für jede Schulart gibt es in München eine Schule, die eine solche pädagogische Eigenart hat. Da gibt es Trainingszeiten während des Unterrichts, in denen die Schüler zu ihren Vereinen fahren können. Und sie werden in Trainingslehre, Sportbiologie und Bewegungslehre unterrichtet. Darauf wird man im Referendariat natürlich nicht vorbereitet, dass da 20 bis 25 Fußballer in einer Klasse hocken. Für die braucht man eine besondere Ansprache.

Und die wäre?

Naja, es ist der Traum von vielen Kindern, dass sie mal Profi-Fußballer werden und viele von denen gehen auf solche Schulen. Natürlich muss man den Schülern vermitteln, dass sie trotz ihres Traumes eine gescheite Ausbildung brauchen. Wenn sie Profi werden, hören die Spieler mittlerweile oft mit 33 oder 34 auf. Da braucht man etwas in der Hinterhand. Ich kann mittlerweile auch aus dem Nähkästchen plaudern und sagen: „Stellt Euch das mal nicht so einfach vor.“

Apropos etwas in der Hinterhand: Sie sind momentan als Lehrer beurlaubt, um Ihrer Trainertätigkeit nachzugehen. Aber für immer ist das keine Option. Haben Sie konkrete Pläne?

Ich habe dieses Jahr noch Urlaub bekommen. Wie es nächstes Jahr aussieht, weiß ich leider nicht. Die schwerste Entscheidung, die auf mich zukommt, wird sein, ob ich meine Verbeamtung auf Lebenszeit aufgebe, um nur noch Trainer zu sein. Das ist richtig schwierig, vor allem, wenn man Familie hat. Das Business ist schwer vorherzusagen.

Also eher: Lehramt ade?

Ich kann mir gut vorstellen, wieder vor der Klasse zu stehen. Irgendwann. Aber im Moment ehrlich gesagt nicht (lacht). Gleichzeitig bin ich eher sicherheitsdenkend, so bin ich familiär geprägt. Wenn dann die Entscheidung vor der Tür steht: Aufgeben oder nicht? Da will ich jetzt noch gar nicht darüber nachdenken.

Sind Sie 24 Stunden lang Trainer oder gibt es Momente, in denen Sie abschalten können?

Ich bin noch relativ jung im Geschäft und will im Geschäft bleiben. Dazu kommt, dass ich ein Perfektionist bin. Alles muss bei mir in der Spielvorbereitung klar durchgeplant sein. Im Fußball hat man einen brutalen Stress und Druck während des Spiels, 60.000 Leute schauen dir zu. Wenn man da nicht die Szenarien vorher durchgedacht hat, wenn man sich nicht sicher ist, wie man reagieren soll, dann gerät man schnell ins Schwimmen. Um Ihre Frage zu beantworten: Es ist schon schwierig abzuschalten. Und schlaflose Nächte nach verlorenen Spielen gibt es auch. Aber wenn ich heimkomme und meine zwei kleinen Kids sind da, dann komme ich schnell runter.

Ihre Kinder sind jetzt 3 und 5 Jahre alt und kommen zu jedem Spiel mit – sogar in Augsburger Trikots.

Der Kleine rennt immer zu mir hin und will mir vor den Fernsehkameras ein Bussi geben. Das ist ganz lustig. Sie verstehen, dass ich Trainer bin, aber noch nicht, welche Wertigkeit das mit der Bundesliga besitzt. Da bin ich froh, dass sie noch einigermaßen normal aufwachsen können.

Ihre Frau ist auch Alumna der TUM.

Wir haben uns sogar im Studium kennengelernt. Sie hat auch Sportwissenschaften studiert mit Schwerpunkt Ökonomie und Management. In Steuerrecht hat es dann zwischen uns gefunkt (lacht). Nicht nur deshalb war das Studium eine der schönsten Zeiten. Ich habe ganz viele Leute kennengelernt und mir ein Netzwerk aufgebaut, das noch heute besteht.

Sie haben also noch Kontakt zu Ihren Kommilitonen?

Klar, viele sind auch im Sportsektor tätig. Zum Beispiel Christian Sander, der im Bereich Rehabilitation unterwegs ist und Sami Khedira nach seinem Kreuzbandriss nach 5 bis 6 Monaten schon wieder auf den Platz gebracht hat. Oder unser Co-Trainer Florian Ernst, der Sport und Wirtschaft auf Lehramt an der TUM studiert hat. Das sind teils sehr intensive Beziehungen. Ein paar ehemalige Kommilitonen schauen manchmal beim Training zu. Das finde ich immer nett, wenn man ein bisschen über die Vergangenheit plaudern kann.

Bei den vielen zusätzlichen Aufgaben, die Sie übernehmen – Sie treten beispielsweise ab und zu als TV-Experte auf – haben Sie da noch freie Zeit?

Nicht viel natürlich. Ich versuche, immer mal wieder ein bisschen von dem zurückzugeben, was ich erfahren durfte, also beispielsweise in einem kleinen Vortrag einen Einblick in die Berufswelt zu geben. Wenn mich mal die TUM zu irgendetwas braucht, stehe ich gerne zur Verfügung. Aber mein Leben bestimmen im Augenblick meine Familie und der Fußball.

Manuel Baum

(Diplom Sportwissenschaft 2005, Staatsexamen 2006)

Manuel Baum begann seine Fußballkarriere als Torwart in Dingolfing in Niederbayern und kam mit 15 Jahren zum TSV 1860 München. Weitere Stationen als Spieler machte er beim FC Ismaning und beim FC Unterföhring. Weil sein Vater Lehrer war, entschied sich Manuel Baum für ein Doppelstudium an der TUM: Diplomsportwissenschaft mit Schwerpunkt Ökonomie und Management auf der einen Seite, Realschullehramt Sport und Wirtschaft auf der anderen Seite. Seine Trainerkarriere startete er bei 1860 München, weiter ging es beim Drittligisten SpVgg Unterhaching. Schließlich kam er als Cheftrainer zum Nachwuchsleistungszentrums des FC Augsburg. Im Dezember 2016 übernahm Baum dort die Profimannschaft des FC Augsburg, mit der er heute sehr erfolgreich ist. Manuel Baum ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 1/2018:

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