Universität als Ort der Neugierde

Der Physiker Albert Einstein soll über sich selbst geschrieben haben: „Ich habe gar keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Ohne den Wunsch des Wissenschaftlers, herausfinden zu wollen, was hinter bestimmten Phänomenen steckt, oder den Impuls des Ingenieurs, herkömmliche Verfahrens- weisen in eine neue technische Dimension zu bringen, gibt es keine Innovation. Deshalb gehören Neugier und Fortschritt untrennbar zusammen. Carl von Linde, Erfinder des modernen Kühlschranks und ab 1868 Professor an der Technischen Hochschule München, wurde durch ein Preisausschreiben auf das Forschungsgebiet der Kältetechnik aufmerksam. „Es erfasste mich sofort der Gedanke, dass hier eine noch ungeklärte Aufgabe der mechanischen Wärmelehre vorliege“, beschreibt er in seinen Erinnerungen die in ihm geweckte Neugier. Jeder Wissenschaftler ist als Pionier auf unkartiertem Gelände unterwegs. Was ihn vorantreibt, ist die Sehnsucht nach dem Neuen.

Die Sehnsucht nach dem Neuen

Aus meiner eigenen Forschungserfahrung weiß ich aber auch, dass neben der Persönlichkeit des neugierigen Wissenschaftlers die Arbeitsatmosphäre eine zentrale Rolle spielt, will man Kreativität und Innovation fördern. Als Präsident einer der führenden Technischen Universitäten Europas ist es mir daher wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Neugier gelebt werden kann. An der TUM soll eine Kultur herrschen, die es erlaubt, Risiken einzugehen – dazu gehört auch das Risiko des Scheiterns. Der Mut, neue Wege jenseits der ausgetretenen Pfade zu wagen, ist an unserer Universität als institutionelle Strategie verankert und gilt für alle – vom Studierenden bis zum Professor. Die TUM versteht sich als Dienerin der Innovationsgesellschaft und möchte mit ihrer Forschung dazu beitragen, das Leben und das Zusammenleben der Menschen nachhaltig zu verbessern.

Wahre Innovation entsteht vor allem dort, wo Forscher ihren Blick über den eigenen Tellerrand hinaus öffnen. Im Austausch mit anderen Disziplinen stecken ungeahnte Potentiale. MUTE, das innovative Elektrofahrzeug der TUM, haben Forscher und Studierende von 21 Lehrstühlen aus acht Fakultäten gemeinsam mit zahlreichen Industriepartnern entwickelt und gebaut. Dieses Projekt zeigt, dass in der Zusammenarbeit der klassischen Disziplinen auch komplexe Herausforderungen erfolgreich geschultert werden können. Unter dem Motto „Risking Creativity“ haben wir das TUM Institute for Advanced Study (TUM-IAS) als internationales, interdisziplinäres Forschungsinstitut eingerichtet. Die Forscher aus Wissenschaft und Industrie erhalten hier alle denkbaren Freiräume, so dass visionäre, mitunter auch risikoreiche Projekte möglich werden. Die TUM ist zudem an fünf Exzellenzclustern maßgeblich beteiligt. Dort werden innovative Forschungsprojekte auf Weltklasse-Niveau vorangetrieben.

Über den Tellerrand hinaus blicken

Will man Innovation an einer Hochschule fördern, dann gehören zu einer entsprechenden institutionellen Struktur, die wir in den letzten Jahren entwickeln konnten, auch die Schaffung optimaler Arbeitsbedingungen für unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Forscher an der TUM werden von spezialisierten Serviceabteilungen bei allen wichtigen Tätigkeiten unterstützt – von der Einwerbung der Drittmittel, über internationale Kooperationen bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. So haben sie den eigenen Kopf und die Ressourcen frei für die Wissenschaft. Beim Thema Fortschritt darf die Universität als, wie Karl Jaspers 1946 schreibt, „Schule, aber eine besondere Schule“ die Nachwuchsausbildung nicht vergessen. Über die Studiengänge hinaus ermöglicht die TUM ihren Studierenden Forschung in selbstorganisierten Forschungsgruppen. Hierfür steht nicht zuletzt die TUM: Junge Akademie. Die TUM Graduate School und die TUM Talent Factory bieten Beratung und Unterstützung für Promovierende und Postdoktoranden. Mit dem TUM Faculty Tenure Track leisten wir Pionierdienste für ein international zukunftsfähiges Berufungs- und Karriere- system, das bundesweit als neuer Standard der Exzellenzförderung gilt.

Leidenschaftlich neugierig – „Culture of Excellence“ seit 150 Jahren

Im nächsten Jahr feiern wir unser Gründungsjubiläum: 150 Jahre Technische Universität München. Der Innovationswille zeichnet unsere Hochschule seit den Tagen von Karl Max von Bauernfeind und Carl von Linde aus. „Culture of Excellence“ ist unser Jubiläumsmotto. Auch in Zukunft wollen wir im Wettbewerb mit den besten Universitäten weltweit bestehen und Standards setzen. Dazu benötigen wir ausreichend finanzielle Ressourcen, um neben dem anspruchsvollen Pflichtprogramm einer führenden Universität unverwechselbare Akzente in der Forschung zu setzen. Dafür müssen wir für die führenden Köpfe weltweit attraktiv sein. Viele großzügige Alumni tragen hierzu bei, indem sie über die TUM Universitätsstiftung finanzielle Mittel zur Verfügung stellen oder sich mit Wissen und Erfahrung an der studentischen Ausbildung beteiligen. Diesem Beispiel gilt es für alle nachzueifern. Unsere Stifter stiften die Zukunft an. Wir säen, was wir selbst nicht mehr ernten. Die Ernte erwarten wir von unserem Nachwuchs, für den wir heute in der Pflicht sind. Auch von Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, erwarte ich diese Loyalität mit den Gestaltern der Zukunft! Wenn wir „leidenschaftlich neugierig“ bleiben und diese Attitude als verbindendes, immerwährendes Strategieelement der „unternehmerischen Universität“ verstehen, dann dürfte angesichts unserer unzähligen Talente die Zukunft der TUM gesichert sein.

Von Wolfgang A. Herrmann
Präsident der Technischen Universität München

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 1/2017:

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