Ideen gemeinsam wachsen lassen

Das Porsche Entwicklungszentrum in Weissach zwischen Stuttgart und Pforzheim ist die Ideenschmiede des größten Sportwagenherstellers der Welt. Hier hat auch Dr. Michael Steiner als Entwicklungsvorstand sein Büro.

Porsche Entwicklungsvorstand Dr. Michael Steiner (Promotion Maschinenwesen 1995) im Gespräch mit TUM Promovend Stephan Rohr

TUM Alumni
Dr. Michael Steiner

TUM Promovend
Stephan Rohr

Seit Mai 2016 ist Dr. Michael Steiner der neue Vorstand für Forschung und Entwicklung bei der Porsche AG. Studiert und promoviert hat er an der TUM in Maschinenwesen. Erinnerungen an diese Zeit kamen hoch, als er in einem exklusiven Interview für KontakTUM Stephan Rohr gegenüber saß, der derzeit an der TUM promoviert. Beide stellten schnell fest, dass sie nicht nur das gemeinsame Fach verbindet, sondern auch die Freude am Entwickeln wegweisender Technologien und Herangehensweisen. So kamen sie ins Gespräch über die Bedeutung neuer Ideen für die Digitalisierung, das autonome Fahren und den Elektro-Porsche.

Stephan Rohr: Herr Dr. Steiner, Sie sind als ‚oberster Entwickler’ eines Premium-Sportwagenherstellers mit zwei Zukunftsthemen der Automobilindustrie – Digitalisierung und Elektrifizierung – befasst. Gerade die Digitalisierung entwickelt sich rasant schnell, man muss mit neuen Ideen zügig am Markt sein. Wie geht Porsche mit dieser Geschwindigkeit um?

Michael Steiner: Einerseits ist Geschwindigkeit heute sehr wichtig, andererseits birgt sie aber auch ein Risiko, wenn man unter dem Druck des Erfolgs zu schnell auf den Markt geht. Wenn wir zunächst die Digitalisierung betrachten: Sie ist für Porsche ein entscheidendes Thema, trotzdem haben wir uns nicht zum Ziel gesetzt, mit dem hochautomatisierten Fahren als erster am Markt zu sein. Aber wir sind überzeugt davon, dass wir keinen großen Abstand zu den Pionieren haben dürfen. Denn wenn Technologien funktionieren, wenn die Kunden sie als entlastend bewerten, dann werden sie diese schnell als selbstverständlich erwarten – auch von uns. Wir beobachten daher die Entwicklung nicht nur, sondern sind aktiv Teilhaber und offen für Neues, mit dem wir uns zukünftig von anderen differenzieren können – natürlich mit Schwerpunkt auf das, was unsere Marke ausmacht, also Sportlichkeit und Premium.

Stephan Rohr: Wie stellt man denn sicher, dass man die Ideen, die irgendwo im Unternehmen keimen, so schnell am Markt hat, dass man diesen Abstand nicht verliert?

Michael Steiner: Durch die richtigen Mitarbeiter. Sie müssen überzeugt sein, dass Sie die richtigen Mitarbeiter und ein gutes Team haben. Das sind wir bei Porsche. Wir waren immer stolz darauf, flexibel zu sein und neben der Entwicklung von ganz normalen Serienprojekten mit derselben Mannschaft auch ganz andere Aufgabenstellungen bearbeiteten zu können. Dabei muss man den Mitarbeitern Raum geben, eigene Ideen zu formulieren und diese auch mit kleinen Mitteln prototypisch umsetzen zu können. Aber als Unternehmen müssen sie auch ganz klar die Richtung vorgeben, damit die Mitarbeiter mit einer Vision vor Augen nach Ideen suchen können. 

Stephan Rohr: Das ist dann Ihre Aufgabe als Entwicklungsvorstand?

Michael Steiner: Ja, genau. Ich bin ja nun nicht mehr selbst als Ingenieur in der Entwicklung tätig. Aber ich bin dann neugierig auf die Vorschläge und Ideen unserer Mitarbeiter zu einem vorgegebenen Themenfeld. Es ist eine der feinsten Aufgaben, die man haben kann: Mit den Teams zu besprechen, wie sie die gestellten Aufgaben interpretieren, welche Lösungen sie haben und wie man das gemeinsam verbessern kann – immer in der gespannten Erwartung auf eine besonders gute Lösung.


Stephan Rohr ist in Landshut geboren und machte nach der Realschule eine Ausbildung zum Mechatroniker. Er holte das Abitur 2008 nach und begann ein Maschinenbaustudium an der TUM. Nach seinem Master 2012 startete er in einer kleinen Unternehmensberatung und betreute dort Projekte für Automobilkunden und Zulieferer. Nach einem guten Jahr kehrte er für eine Promotion an die TUM zurück, wo er heute zum Thema Lebensdaueranalysen für Lithium-Ionen-Speicher forscht. Gerade ist er dabei, mit einem Kollegen ein Start-up in diesem Bereich zu gründen.
Stephan Rohr: Neben der Digitalisierung ist die Elektrifizierung das andere große Zukunftsthema in der Automobilbranche. Ich arbeite in meiner Promotion an Lebensdaueranalysen von Lithium-Ionen-Speichern in Elektroautos.

Michael Steiner: Das ist ein spannendes Gebiet. Derzeit gibt es nicht viel Erfahrung mit der Lebensdauer von Lithium-Ionen-Batterien im praktischen Einsatz, weil sie noch nicht so lange zumindest in der Größe, Energie und Leistungsdichte existieren, wie man sie für Automobile braucht, und die Technologie entwickelt sich immer noch schnell weiter. Was Ihr Thema betrifft, so ist es natürlich auch interessant, die Erkenntnisse, die Sie aus Versuchen gewinnen, in Form von Simulationen abzubilden, damit nicht alles physikalisch erprobt werden muss. Ich glaube ganz sicher, dass die Elektromobilität weiter Fahrt aufnehmen wird. In Produkten wird man das in einigen Jahren überall auf den Straßen sehen. Auch bei Porsche wird die Elektromobilität ihren festen Platz erobern.

Stephan Rohr: Mit einem Kollegen will ich mein Promotionsthema in eine Geschäftsidee ummünzen und unsere Batterielebensdauer-Abschätzung als Produkt mit einem Start-up aus der TUM ausgründen. Wir bekommen dabei viel Unterstützung von der TUM. Wie war das bei Ihnen?

Michael Steiner: Die Gründung eines Unternehmens war zu meiner Promotionszeit eine eindeutige Ausnahme. Der klassische Weg war, den Einstieg in der Industrie oder in der Forschung zu finden. Heute haben es junge Gründer an den Universitäten leichter, das ist gut. Wenn Sie sich als Unternehmer verstehen, müssen sie aber anders denken und handeln. Im Start-up geht es weniger darum, etwas für die Wissenschaften zu leisten, sondern darum, Produkte anzubieten, für die es Interessenten, für die es Kunden gibt.

Stephan Rohr: Das haben wir auch gemerkt. Als Forscher fokussiert man sich auf die Technologie und will Neues über einen technology push am Markt einführen. Oft wäre der andere Weg vielleicht besser: Vom Kundenproblem auszugehen und dafür dann eine Technologie zu entwickeln …

Michael Steiner (unterbricht): Wir brauchen beides.

Stephan Rohr: Ja, wir brauchen beides.

Michael Steiner (lacht): Ja, davon bin ich felsenfest überzeugt. Wir brauchen eine gute Forschungslandschaft einerseits – das ist in Deutschland immer schon eine Stärke gewesen. Aber wir brauchen auch – und darin war Deutschland bisher vielleicht noch nicht so stark – das Unternehmertum, um relativ früh aus Forschungsaufgaben heraus anwendungsbezogene Dinge zu entwickeln. Aber wenn man einen Bereich überbetont, funktioniert es nicht. Deswegen unterstützen wir bei Porsche einerseits Initiativen, um wissenschaftlich voranzukommen, und auf der anderen Seite beteiligen wir uns an Start-ups. Wir brauchen ganz klar beides.


Der gebürtige Tübinger Dr. Michael Steiner studierte und promovierte an der TUM in Maschinenwesen. 1994 startete er bei der Mercedes-Benz AG – heute Daimler AG – zunächst in der Konzeptentwicklung, zuletzt als strategischer Projektleiter für die A/B-Klasse. 2002 wechselte er zu Porsche in die Entwicklungsabteilung für Innovation und Konzepte. Eine prägende Zeit für ihn war die Entwicklung des Porsche Panamera, die er vom ersten Konzept auf einem Blatt Papier bis zur Markteinführung begleitete. Seit Mai 2016 ist Steiner Vorstand für Forschung und Entwicklung der Porsche AG.
Stephan Rohr: Ich war für einen Forschungsaufenthalt in Berkeley, und dort ging es viel darum, dass man Wissen für die Wirtschaft nutzbar macht.

Michael Steiner: Wenn man wissenschaftlich einen Vorsprung herausarbeitet, dann ist es in meinen Augen schlüssig und – für eine Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, wie wir sie in Deutschland haben – vielleicht auch die Pflicht, neue Entwicklungen zu kommerzialisieren.

Stephan Rohr: Es ist für Wissenschaftler manchmal nicht einfach, die Balance zu finden zwischen Wissenschaft – also Wissen für die Öffentlichkeit zu schaffen – und Eigentum, das man dann in Form von Patenten verwertet.

Michael Steiner: Ja, da haben Sie sicher recht. Meine Erfahrung kommt natürlich aus der Industrie, nicht aus der Forschung. Und da ist es immer sinnvoll, möglichst zeitnah ein Patent anzumelden, weil sehr oft an mehreren Stellen auf der Welt zur gleichen Zeit ähnliche Ideen heranreifen. Da können wenige Monate Vorsprung schon maßgeblich sein.

Stephan Rohr: Haben Sie das Gefühl, dass sich der Umgang mit Innovation seit Ihrer Zeit an der Uni grundsätzlich geändert hat?

Michael Steiner: Ganz sicher. Der Innovationsbegriff war früher für Ingenieure enger gefasst als heute: Wir wollten etwas patentieren, das eine neue Funktionalität in ein Produkt bringt. Heute ist eine Innovation auf dem Markt das, was ein Kunde als neuartig oder innovativ empfindet. Es ist durchaus möglich, dass in der Technik dahinter gar keine Einzelerfindung mehr steckt, sondern dass die Kombination von vorhandenen Systemen oder Funktionen zu einem Ergebnis führt, das als innovativ beschrieben wird.

Stephan Rohr: Ich will noch einmal zurück zum Thema Elektromobilität und autonomes Fahren. Porsche steht für ein bestimmtes Fahrerlebnis. Wie verändern die neuen Konzepte den Sportwagen?

Michael Steiner: Das ist eine spannende Frage. Im Augenblick sehe ich natürlich den Trend zu hochautomatisiertem Fahren mit digitalen Innovationen und modernen Antriebskonzepten. Im Stau zum Beispiel hat man eigentlich keine Lust mehr, selbst zu fahren, das könnte durchaus ein Assistenzsystem übernehmen. Neben all dem Hightech beobachten wir auch einen Gegentrend hin zu sehr puristischem Fahren. Da werden klassische Fahrmaschinen, also Autos ohne Elektronik oder Navi, nachgefragt. Diese Kunden wollen wir ebenso bedienen. Aber egal welche Art von Autos wir entwickeln, sie sollen sich in jedem Fall anfühlen wie ein Porsche, also präzise auf die Kommandos der Fahrer reagieren mit sportlicher Fahrdynamik.

Stephan Rohr: Elektroautos ermöglichen ja ein ganz neues Fahrzeugdesign. Wird sich dadurch auch der 911er, der klassische Porsche-Sportwagen, ändern?

Michael Steiner: Der 911er wird ein 911er bleiben. Der Mission E, unser erster rein elektrischer Porsche, der 2020 in Serie gehen wird, zeigt, wie der Sportwagen der Zukunft aussehen könnte. Aber das ist dann kein 911er, sondern ein Mission E.

Stephan Rohr: Ein Jahr werde ich noch an meiner Promotion arbeiten. Was haben Sie aus Ihrer Zeit mitgenommen, auf was sollte ich vielleicht noch achten?

Michael Steiner: Die Promotion an der TUM war für mich eine einmalige Chance, von der ich noch heute zehre. Ich konnte mich intensiv in ein Thema vertiefen. Es war einfach eine Freude und ein Freiraum, den man später im Berufsalltag so nicht mehr hat. Man lernt, wie man sich über Jahre fokussiert einem Thema widmet, das man am Anfang erst mal nicht versteht, und man lernt auch, dass Themengebiete selten umfassend beschrieben oder erforscht werden können. Außerdem erfährt man viel über sich selbst: Was kann ich wirklich gut, worin bin ich nicht so gut, wobei brauche ich später im Beruf einmal Unterstützung. Alleine kann man komplexe Themen nicht lösen.

Stephan Rohr: Das habe ich auch schon gemerkt. Ich dachte ich könnte mein Thema alleine bewältigen. Mittlerweile sind wir fünf Leute im Team.

Michael Steiner: Das werden Sie dabei eben auch lernen, dass die Welt sich weiterdreht und dass schon in wenigen Jahren andere, die Ihren Faden aufgenommen haben, dann wesentlich weiter sind. Das gehört dazu.

Stephan Rohr: Sieht man seine Ideen wachsen, indem andere sie aufgreifen?

Michael Steiner: Am besten ist es, so viel Abstand zu gewinnen, dass man Freude hat, wenn die eigene Arbeit durch andere noch besser wird. Das ist heute ganz wichtig, weil Innovationen sehr oft fachbereichsübergreifend generiert werden. Oft hat jemand eine zündende Idee und erst das Fortspinnen der Idee zusammen mit anderen führt zu der eigentlichen Innovation. Das gehört unbedingt dazu: Gute Ideen zu haben, sie voranzutreiben, sie aber auch im Kollegenkreis offen zu legen, loszulassen und andere zu fördern, die sie weiter entwickeln. Wenn man das nicht kann, ist man nicht wirklich teamfähig – und Teamfähigkeit ist heute sehr wichtig für jede Innovation.

Fotos: Jooss / TUM

Welche Innovation hat Sie am meisten begeistert oder geprägt?

Michael Steiner:
Ich habe in meinem Studium noch mit Tusche Entwürfe gezeichnet. Die Innovation, die mich dann absolut begeistert hat, waren die CAD Systeme, die Tusche und Bleistifte ablösten. Die Zeichnungen am Computer einfach ändern und verwalten zu können, das fand ich toll.

Stephan Rohr:
Für mich ist das Smartphone eine Innovation, die mein Leben extrem verändert hat, weil ich so vieles jetzt von überall aus machen kann. Es gibt mir enorm viel Freiheit, nimmt mir vielleicht auch Freiheit, da ich immer erreichbar bin. Aber es hat mich seit 2007 sicherlich stark geprägt.

Dieser Artikel ist erschienen in KontakTUM 1/2017:

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